„No Strings Attached“ – sehr seltsamer Film. Da ist diese Frau, Emma, die ihre eigenen Vorstellungen darüber hat, wie sie leben will, auch in Bezug auf Sex und romantische Beziehungen, aber die Muster, die ihr zur Verfügung stehen, decken das, was sie sich wünscht, nicht ab, und alle in ihrem Umfeld passen sich widerstandslos in die Vorgaben ein. Vielleicht weiß sie auch nicht so genau, was sie will, aber irgendwas stört sie dem Modell Romantische Zweierbeziehung, etwas, das sie so abschreckt, daß sie sich nicht darauf einlassen will. Vor allem dem emotionalen Streß möchte sie sich nicht aussetzen! Schließlich arbeitet sie 80 Stunden die Woche und hat wahrlich anderes zu tun, als sich in Eifersuchtsdramen zu ergehen oder die Röschen im Valentinsstrauß zu zählen. Aber auch all diese automatisierten Erwartungen! Sex gehört zu Küssen gehört zu Liebe gehört zu Date. Date gehört zu Valentinstag gehört zu Heiraten gehört zu Gemeinsam Frühstücken. Das ist eine Kettenreaktion, derer man sich nicht erwehren kann.
Die einzelnen Elemente kann sie schon ertragen, doch der inhärente Zwang, den man mit einkauft… nun, sie ist kein Mensch, der sich gerne Zwängen ergeben möchte.
Bewußt gemacht hat sie sich allerdings dieses Unbehagen niemals. Dazu müßte sie in der Lage sein, ein Alternativmodell neben das bekannte Modell zu stellen. Emma macht es anders: sie lehnt einfach die Idee „Liebesbeziehung“ als Ganzes ab. Eine andere Variante kennt sie, das ist eben Friends with Benefits. Freundschaft ist natürlich ein von Beziehung gänzlich abgetrenntes Modell. Beide dürfen sich keineswegs überschneiden. Die Grenzen sind nicht fließend, sondern diese Sexfreundschaft ist ein Balancieren am Abgrund. Tritt man fehl, läßt man zu viele Puzzleteile vom Muster „Beziehung“ ins Muster „Sexfreundschaft“ hinein, so stürzt man ins das andere Muster hinab.
Die Geschichte verläuft ausnahmslos berechenbar in gewohnten Bahnen, sie ist eine Moralerzählung. Emma hat ihren eigenen Kopf. Jeder außer ihr weiß, daß es so nicht gehen kann. Am Ende lernt sie, daß alle anderen recht hatten. Sie ergibt sich ihrem Gefühl.
Wie wir das schon hatten: Liebe gehört zu Beziehung. Undsoweiter. Schicksal besiegelt, weil die Emotion nicht länger unterdrückt werden kann und stattdessen ins Muster eingeliedert werden muß.
Liebe, auf Seiten des Kerls, bedeutet dann wohl auch, erst den Liebeschwur abzulegen, um sich dann sogleich zu verpissen – ruf mich nicht an! – wenn man nicht direkt die Art von Beziehung erhält, die man haben möchte. Kompromisse gibt es nur auf Seiten der Frau, die immer Schritte auf ihn zu machen muß, während er einfach stehen bleibt. Klar, daß sie Zeit haben muß, mit ihm zu frühstücken. Klar, daß er nicht ihr zuliebe die Dates und Blumen einfach weglassen kann.
Dabei ist es mir als Zuschauerin keinen Moment einsichtig, warum diese kritische, gebildete, selbstbewußte Frauenfigur so entsetzlich Bausatz-hörig ist.
Es gibt nicht in Wirklichkeit diesen erdrückenden Automatismus, dem man erliegen muß, will man nicht einsam bleiben.
Jede lebendige Beziehung, egal welcher Art, muß sich an die beteiligten Personen, deren Wünsche und Lebensumstände anpassen, damit sie über längere Zeit bestehen kann. Dazu kann man die Bauteile verwenden, die einem gerade in den Kram passen; andere kann man später einsortieren oder gänzlich weglassen.
Emma und ihr Kerl sind glücklich, als sie ihre Fickfreundschaft ausleben; sie kommen ins Schleudern, sobald sie ihre emotionale Involviertheit erkennen. Nur: Emotionen gab es auch vorher schon. Es stand nur auf denen ein anderes Label. Mögen oder gut riechen können scheinen in ihrer Wirkung mit dem Messer am Hals „Liebe“ nichts zu tun zu haben. Warum kann die Liebe nicht auch als bereichernder Bestandteil in das wunderbar funktionierende System integriert werden? Und wenn das System nicht mehr paßt, verändert man es. Graduell, intuitiv. Achtsam.
Zugegebenermaßen bräuchte es dafür eine Sache, und das ist in der Tat die viel beschworene Kommunikation. Da müssen Wünsche ausgedrückt, Grenzen zur Sprache gebracht werden.
Wie die Erzählinstanz des Films dazu situiert ist, kann leicht an der Figur Lucy abgelesen werden. Als die mit der männlichen Hauptfigur anbandelt, verbalisiert sie alles, bis zur Frage, wer nun als erstes sein Hemd ausziehen soll. Sie soll contraintuitiv wirken, in Abgrenzung zu den sich ihren „wahren“ Gefühlen hingebenden Hauptfiguren, deren Sex stets fließend und ebenso automatisch wie die Beziehungsentwicklung abzulaufen scheint.
Brüche und Denkpause sind in dieser Romantik nicht erwünscht. Alles muß sich ergeben, nur dann gilt es als authentisch und damit wertvoll.
Und genau darin liegt der Fehlschluß, der das Finden einer tatsächlich befriedigenden Lösung für eine freiheitsliebende Figur (und Zuschauerin) unmöglich macht.
Ich habe den großen Wunsch, Menschen in einer sicheren Distanz um mich zu haben. “Sicher” meine ich hier nicht im Sinne von “weit genug weg, daß sie mir nichts anhaben können”. Ich meine etwas anderes.
Wenn ich neue Menschen kennenlerne oder alt”bekannten” näher komme, erfaßt mich gerade in letzter Zeit oft ein Gefühl der Beklemmung. Etwas kommt mir da zu nah; etwas kommt ins Rollen, das sich zur Lawine auswachsen wird, wenn ich es nicht sofort stoppe. Vielleicht hatte ich diese Empfindungen schon früher. Sie mögen mich davon abgehalten haben, auf Leute weiter zuzugehen, für die ich mich an sich interessiert hätte, bei denen ich mir aber unsicher war, wie nah ich ihnen kommen will.
Nah kommen, was ist das? Es hat zu tun mit einem physischen Gefühl, das sehr unterschiedlich sein kann. Manchmal ist es ein dringender Ruf nach mehr Raum, ein Keine-Luft-mehr-kriegen. Ein Abdrücken meiner Bewegungsfreiheit: da steht jemand in meinem Weg, und ich komme an dem nicht vorbei.
Manchmal ist es beinah das Gegenteil: Ruhe, Entspannen. Sich geborgen fühlen. Unter die Haut des anderen krabbeln, ineinander aufgehen wollen. Diese Art von Nähe schneidet mir die Luft nicht ab, sie gibt mir nur eine größere Vielfalt von Gerüchen und Wind.
Wenn ich jemanden neu kennenlerne, der an mich heran zu wollen scheint, der etwas von mir will, dann stellt sich bei mir häufig schnell in Nervosität und Abwehr das erstere Nähe-Gefühl ein. Warum?
Weil ich die Erfahrung gemacht habe und mache, daß Menschen entweder wie am Gummiband an mich heranschnellen und sich an mich kleben, so daß, z.B., eh ich es mir verseh ein Anstreben einer Liebesbeziehung aus ein paar Küssen geworden ist, die ich dann schnell stoppen muß, bevor sich mein Gegenüber zu sehr hineinsteigert, anfängt, von mir Zugeständnisse zu erwarten, die ich nicht geben will, und traumatisiert ist, wenn ich zu spät Nein sage.
Oder ich schütze mich und gehe meinem ersten Impuls folgend ein paar Schritte zurück. Ich sage: Ich möchte nicht, daß du Erwartungen an mich stellt, denn ich habe keine Lust, mich um deren Erfüllung zu bemühen. Ich will nicht mit dir ins Bett, weil es mich nicht ernsthaft dahin zieht. Und komplizierte Liebesbeziehungen brauche ich keine mehr derzeit, danke.
Und dann will ich noch sagen: Aber mir liegt an dir. Du bist schön und sprühst vor Leben. Ich glaube, daß wir einander die Welt bereichern können.
Dazu komme ich aber gar nicht, jedenfalls nicht, solange mein Gegenüber noch zuhört. Der-/diejenige ist schon woanders, denn ich habe ja einen Korb gegeben. Also geht gar nichts, wenn sie nicht direkt das bekommen können, was sie sich vorgestellt haben! Entweder verschwinden die Leute aus meinem Umkreis, oder sie bleiben ein anstrengender Kontakt, beim Treffen mit ihnen schwingt immer das mit, was sie sich eigentlich gewünscht hätten, daß passiert.
Aber ich habe ja gar keinen Korb gegeben. Sondern ich habe versucht, meine Körperwahrnehmung zu befragen und mit ihrer Hilfe herauszufinden, wo in dem Raum um mich herum es sich gut anfühlen würde, wenn diese Person da stünde. Für JETZT, keine Aussagen über später getroffen.
Was ich mir da wünsche, ist eine sichere Distanz in dem Sinn: Wenn ich dich aus meiner unmittelbarsten Nähe wegschicke, dann gehst du ganz. Was, wenn du dir einen anderen Platz bei mir, etwas weiter weg als angestrebt, suchen würdest? Dann müßtest du nicht gehen. Wir könnten sehen, was noch auf uns zu kommt. Ich könnte mich vielleicht langsam an meinen zu vielen Zweifeln un Sorgen entlangtasten und mich auf dich zu bewegen. Vielleicht entlastet es mich so, dich auf deinem festen Platz zu wissen, wo ich mich nicht mehr permanent anstrengen muß, um dich auf Distanz zu halten, daß mir die Distanz an sich weniger wichtig wird. Plätze im Raum sind nie unbeweglich, sie verschieben sich immer.
Ich glaube, das ist eine der Herausforderungen des Poly-Lebens, für mich. Wer monogam lebt oder in einer Primärbeziehung, der hat schon diesen definierten Innenraum, in den man nur rein kommt, wenn man eingeladen wird. Es ist klar, daß das meist seine Zeit braucht und mancher eben nie da landet. Niemand findet das schlimm, niemand fühlt sich betrogen – es ist eben so.
Und ich, offen poly, ich werde so verstanden: Erst aufheizen, dann sitzen lassen. Falsche Versprechungen machen.
Meine Interessens- und Zuneigungsbekundungen werden ständig mißverstanden, denn offensichtlich will ich ja mit jedem ins Bett und erst recht mit jedem eine Beziehung haben, ist ja klar! Wie, doch nicht? Mööööööp.
Beim HAKOMI-Workshop, den ich im Januar besucht habe, gab es diese Übung, die sicher viele kennen, bei der Person 1 steht und Person 2 auf sie zukommt. Person 1 bestimmt, wie nah 2 kommen soll. Im Workshop haben wir das ohne Worte gemacht und sind in die Beobachter_innenposition der Achtsamkeit gegangen. Und ich hatte dieses unglaubliche Erlebnis, einfach sofort stop winken zu können, nach einem Schritt, und dann die Übungspartnerin noch ein weiteres Stück zurück zu bitten. Es war eine solche Befreiung, das tun zu können, und dafür nicht abgelehnt zu werden. So viel Raum war auf einmal da, nur für mich, um den ich mich nicht hatte bemühen müssen. Kein ewiger Kampf um meinen eigenen Platz, Zentimeter um Zentimeter unter schlechtem Gewissen den sich Annähernden abgetrotzt. Geschenkt gab es das, ich hatte da ein Recht drauf. Unbeschreiblich.
Fast genauso wohl fühlte ich mich umgekehrt, als die Übungspartnerin mich einfach zu sich in ihre Umarmung winkte. Ich habe nämlich kein Problem mit Nähe, ich liebe das. Ich sehne mich danach, daß Menschen mich in ihrer Nähe haben wollen. Ich kann auf sie zugehen.
Aber ich will entscheiden, gehe ich auf diese Person hier zu, wann, und wieviel. Ohne Angst haben zu müssen, daß jedes Nein mir das Gegenüber völlig entfremdet.
Sichere Distanz eben. Bis ich frei atmen kann trotz oder sogar im Genuß der Nähe. Das wäre schön.
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Dies ist vermutlich Teil 1 von mehreren zu diesem Thema. Mal sehen, ob ich die weiteren schreibe.
Wenn dies [1 - Selbstbestimmung] ist, dann gibt es noch [2 - Angst, wahrgenommen zu werden] und [3 - Hingabe]. Und [4 - Verantwortung] Weil alles natürlich extra kompliziert wird, wenn man es läßt.
Hat wohl doch nicht so geklappt mit der Geräuschwoche, aber macht nichts, dann mach ich es wann anders. Über sowas möchte ich mich nicht mehr aufregen.
Ich denke gerade, ob ich nicht auch mal einen Jahresrückblick machen möchte. Die letzten Jahre kam mir das bei anderen immer eher seltsam vor, aber ich erinnere mich nicht mehr, wieso. In der Mitte dieses Jahres wollte ich geordnet zurückblicken und wurde zu traurig dabei, um es durchzuziehen. Doch die ganz traurigen Dinge, die mir jetzt noch nachgehen, liegen in 2009. 2010 habe ich mich zwar zeitweise schrecklich schlecht gefühlt, aber jetzt aus der Distanz bin ich über die Leiden des Jahresanfangs gut hinweg gekommen, im Gegensatz zu denen des vergangenen Jahrs.
Silvester verbrachte ich noch in Leipzig mit Fay und mit M, die mich kaum ansah. Ich wanderte mit Abschiedsschmerz und Bedauern im Bauch am Haus des Exfreunds vorbei, meine Kisten waren verpackt und untergestellt, der kleine Transporter stand bereit. Neujahr fuhren wir gen Mannheim, in die Zwischenmiete-WG.
Januar begann mit offenem Blick und mit allen Möglichkeiten, ohne feste Wohnung, ohne Job, ohne viel mentalen Ballast, aber mit lieben Menschen und ausreichend Unterstützung in der Nähe. Außerdem liebte ich diese WG, die riesige Küche mit himmelblauer Decke und dunklem Dielenboden, vertraut scheinender Geruch gleich beim in den Flur kommen, ein Bett, in dem ich keine Nackenschmerzen bekam, jede Menge Platz und angenehme Mitbewohner auch noch.
Entgegen aller Erwartungen wurde es eine ganz harte Zeit, Januar bis April, weil mir jemand ganz überraschend den Rücken zukehrte und der (noch gar nicht so) alte Schmerz von 2009 zusammen mit dem neuen als Tsunami über mir zusammenschlug. Die Arbeitsagentur drohte mir mit “Sie müssen jeden Job annehmen”, und ich verfiel in Panik bei dem Gedanken, die Stadt wegen eines Jobs gleich wieder verlassen zu müssen und dann wirklich in die Fremde zu gehen, wo mir niemand in dieser Krise den Rücken stärken würde. Das erste Mal dachte ich, ich komme damit allein nicht mehr richtig zurecht, und ich suchte nach Hilfe.
Januar, Februar, März verschwimmen, ich denke an das gute Gefühl der nach wie vor offen stehenden Möglichkeiten, den Schnee auf den Straßen, Freund_innen, Familie. Daß der Rhein mir jedes Mal weitergeholfen hat, wenn ich nicht mehr konnte. Lange Chats mit A. Und die unhaltbare Trauer an allen Ecken, Häutung, juckende Haut, Rose Kemp mit Kopfhörern hören und sich entsetzlich einsam fühlen. Keine Lösung parat haben. Endlich der Kollaps all dessen, was schon im Jahr zuvor eigentlich nicht mehr gestanden hat und nur noch duch Fassaden Substanz vorgaukelte.
Endlich rettend der April – denn da fuhr ich nach Leipzig zum Disillusion-Konzert. Jetzt fühlte ich mich dort, von wo ich so lange weg gewollte hatte, ganz zuhaus. Nach dem Konzert wanderte ich zu Fuß bis zu Fays Wohnung, durch die vertraut anmutenden Straßen, mein Kopf sang “Alone I stand in fires” – daheim updatete ich meinen Facebook-Status mit “awoke from sorrow’s sleep”.
Kurz darauf begann ich meine Arbeit im ersten richtigen Job und war mit einem Mal zu abgelenkt, um zermürbende Gedankenkarusselle in meinem Kopf drehen zu lassen. Ich lernte, wie gut es tun kann, keine Zeit zum Überlegen haben zu können, sondern einfach reagieren zu müssen, jetzt, hier. An diesen Punkt kommt man schwer über Erkenntnis, man muß das üben und/ oder dazu gezwungen sein.
Meine noch immer bestehende Offenheit wurde nicht mehr permanent von komplizierten Überlegungen geblockt. Ende April reiste ich mit ihr im Gepäck gutgelaunt zur Beltaine-Feier, um danach monatelang einen Großteil meiner Zeit auf rosa Wölkchen zu verbringen. (Im Mai habe ich, soweit ich mich erinnere, kaum etwas gemacht außer mich zu freuen.) Am Tag nach der Feier schaute ich mir eine WG an, immernoch in bester Stimmung. Es klickte. Anfang Juni zog ich ein.
Mitte des Jahres habe ich angefangen, einen Kalender zu führen, was ich seit Jahren nicht getan habe. Das Juli-Blatt ist komplett mit möglichen Terminen gefüllt. Das war so beruhigend, in diesen Kalender zu schauen und deutlich den Beweis zu sehen, daß ich “ein Leben habe”, daß ich Unternehmungen in Angriff nehme, die ich schon lange, lange mal machen wollte. Daß keine Zeit war, traurig zu sein oder die Verwirrung über all die veränderten Maßstäbe und die verlorenen Zukunfsvorstellungen die Überhand gewinnen zu lassen. Der Sommer war eine Enklave der Aktion. Die Blase würde irgendwann platzen, doch bis dahin würde ich Schwerter schwingen und tanzen bis zur Erschöpfung.
“And still I’m hoping fall would never come.
But it came.”
Es war früher August, als die Blase platzte. Die beiseite geschobene Desorientierung kam wieder an die Oberfläche, der Schmerz, von dem ich meinte, er müssen längst aufgehört haben. Es erwischte mich die volle Ladung der Erkenntnis von Neuem, daß ich dabei war, mein Leben aus Ruinen wieder aufzubauen, und ich überfordert war, weil mir gänzlich die Werkzeuge fehlten. Meine über Jahre eingeübten Handlungsmuster standen mir nun mehr im Weg als daß sie mir helfen konnten, diese Herausforderung zu bewältigen: Freiheit. Zuviel Freiheit.
Zum ersten Mal konnte ich mir vorstellen, warum die existenzialistische Leere etwas Bedrohliches sein sollte. Zuviel Verantwortung, und die große Furcht, ihrer nicht Meisterin werden zu können.
In dieser Zeit bin ich mir selber unendlich auf die Nerven gegangen. Es ist schrecklich ermüdend, so nah am Wasser gebaut zu sein und durch alles und jeden am laufenden Band getriggert zu werden. Ich hätte mich am liebsten gegen ein funktionierendes Ersatzexemplar ausgetauscht. Fortwährend war ich mit dem Konstruieren von Problemen beschäftigt; dabei konnte ich mich genau beobachten und mir erklären, was ich da machte. Es war mir ganz klar, daß ich selbst diese Schwierigkeiten bastelte, aber auf der mich am stärksten steuernden Ebene halt dann doch nicht. Die glaubte: das ist alles wahr. Sie glaubte: Niemand will dich, du hast keinen Ort, du bist nichts, du weißt und kannst nichts. Das sind überzeugende Glaubenssätze, dagegen kommt die Vernunftstimme nicht an.
Ich weiß nicht, wie lange das so gehalten hat, aber irgendwann war es besser. Tatsächlich habe ich es geschafft, meine Aufmerksamkeit auf mich selbst und das Jetzt zu fokussieren, anstatt immer nur in die Ferne zu starren, das half.
Samhain schaute ich recht zufrieden auf mein Jahr zurück. In allem, was mir in dieser Zeit weh getan hat, und obwohl ich ein paar der miesesten Monate meines Lebens verbracht habe, habe ich während all der Zeit genau gespürt, daß der Weg stimmt, auf dem ich bin, weil ich mich irgendwie mir selbst mehr annähere. Und mich bewege, anstatt stillzustehen und zu jammern.
Oktober und November arbeitete ich Vollzeit, sie rannen vorbei.
Jetzt Dezember, der Winter war kurz bisher.
Ich bin auf der Erde angekommen, zumindest mehr als vorher. Ich bin konkreter geworden. Ich habe meine Handlungsfähigkeit ausprobiert, ein wenig, da wird noch viel mehr kommen. Ich habe mir einen Haufen Magie in den Körper gezaubert, mit der ich jetzt etwas machen kann.
Die Welt ist voller offener Türen. (Immernoch.)
Und ein bißchen ein Fundament habe ich. Das schadet auch nicht.
Soeben habe ich beschlossen, wieder eine PeBloWriWe (Personal Blog Writing Week – Eine Woche lang jeden Tag ein Post) veranstalten werde. Immerhin ist November, und der sollte zum Schreiben genutzt werden.
Thema wird sein: “Ich und … Dingens”. Im Rahmen dieses Themas werde ich meine persönliche Beziehung zu bestimmten Gegenständen, Diskussionen, Positionen etc. beleuchten, mit besonderem Fokus auf die Historie. (meine. mit der Sache.)
Dies tue ich aus eigennützigen Gründen, nämlich weil ich im Jahr 2010 das Wissen darüber, wer ich bin, verloren habe und mich das erste Mal seit ich denken kann gefragt habe, was mich ausmacht. Es kann also nicht schaden, ein wenig Forschunginteresse in meine eigene Person und die Entwicklung meiner Meinungen und Werte zu setzen. Damit befasse ich mich aus einem ganz frischen Blickwinkel mit einem Bereich, indem ich mich zuvor mal für eine Expertin gehalten habe, war nur bereichernd sein kann sowohl für die Förderung des Sich Aneignens von neuem Wissen als auch zur Kultivierung des Anfängergeistes.
Gute Nacht. Ich gucke Glee und geh dann schlafen.
Wieder einmal zu Besuch im Haus meiner Eltern habe ich mir den Computer meiner Mutter ausgeliehen. Auf meinem eigenen macht das Tippen keinen Spaß, das E hängt, und man muß mit Karacho auf die Tasten hauen, damit wirklich alle Buchstaben da auftauchen, wo sie stehen sollen. Der hier dagegen bietet sozusagen den Fingern Urlaub während sie arbeiten, Joggen statt Gewichtheben.
Während der letzten Wochen hatte ich so einige Male den Impuls zum Blogschreiben. Es gab ja auch interessante Diskussionen, zu denen man sich hätte äußern können, also, ich. Und Dinge, die schon länger in meinem Notizbuch als Fragment auf Realisierung warten. (Fragmente realisieren tu ich aber eigentlich nie.)
Doch wenn ich so durch meine Posts scrolle, fällt mir auf, daß es nicht die thematischen Einträge, die Diskussionsbeiträge sind, an denen mein Blick im Nachhinein noch hängen bleibt. Vielmehr verweile ich auch Monate und Jahre später lieber bei den wenige Zeilen umfassenden Bildhaufen, die ich mal aus meinem tiefsten Inneren heraus auf den Bildschirm gespuckt habe. So ähnlich wie die Lyrik, die ich früher mit Leichtigkeit verfaßt habe, und die mir jetzt in der Fingerspitze stecken bleibt. Ein schönes Wort an ein schönes Bild an einen schönen Ton geklebt, Analyse bleibt draußen, muß nicht eingeordnet werden. Gehört zu nichts dazu. Kommuniziert nichts nach außen. Letztlich sind das Erinnerungsstücke, nicht mehr und nicht weniger, und trotzdem -
Vielleicht sind Erinnerungsstücke, bei denen man die Emotionen, die dranhängen, tatsächlich darstellen kann, gar nicht so schlecht als Texte.
Zur Sichtbarkeit trägt es natürlich nicht bei, sich weiterhin in Privatem zu wälzen. Aber vielleicht ist es auch das, was ich schreiben will, zumindest manchmal. Alles andere ist Arbeit, nicht das Schreiben an sich, sondern das sich dazu bewegen. Privatmatschen entspannt.
Ah, warte mal, Sekunde. Was da so in meinem Notizbuch steht an Themen, über die ich schreiben könnte, das sind alles Sachen, bei denen es konkret um meinen ganz persönlichen Zugang geht.
Denke ich da dann wieder, daß das uninteressant ist? Warum sollen nur persönliche Zugänge anderer Leute spannend sein? Hab ich nur wieder Angst davor, daß es am Ende tatsächlich interessant sein könnte, was ich beizusteuern hätte?
Es macht mir keinen Spaß mehr, über Beweggründe nachzugrübeln und endlose Metaüberlegungen anzustellen, das ist eindeutig. Es macht mir im Moment keinen Spaß mehr, diesen Post hier zu schreiben, seit er sich auf die Metaebene, die mit den X Stockwerken begeben hat.
Warum ist mir egal. Egal. Egal. Üb das.
Und Folgenes üben: Ich stelle fest, mir gefallen diese tiefen Erinnerungsstücktexte, die ich mal verfaßt habe. Ich stelle fest, ich habe Ideen, was ich schreiben könnte, ich habe es bisher aber noch nicht gemacht – das sind nur Beobachtungen. Ich stelle fest, Sachen sind schwer, aber das zieht so vorbei und ich lasse mich nicht davon beindrucken.
Wieder kein Fazit! Wohin soll das noch führen! Macht das überhaupt einen Sinn? Vermutlich nicht. Und. Weiter? …
Wie geht Schreiben ohne Meta? Geht Schreiben ohne Meta? Geht Leben ohne Meta?
Mal sehn.
Es ist sehr schön, endlich mal wieder mit Zeit vor dem Computer sitzen zu können. Und dann auch noch an einem Schreibtisch, auf einem Stuhl. Denn es ist besser, Schlafsphäre und Computersphäre zu trennen, mir selber gelingt das aber schwer, und ich genieße es daher, wenn ich mir den Computerort von jemand anderem ausleihe.
Außerdem kann ich nachdenken, da jetzt das Paracetamol die Schmerzwolken aus meinem Kopf gepustet hat, und aus meinem Schultern und Nacken.
Seit ein paar Tagen twittere ich ja jetzt. Ich hatte zwar schon lange einen Account oder zwei, habe sie aber kaum benutzt. Dabei steckt da ein Hammerpotential drin. Es ist so einfach, einen Gedanken in den Äther zu schicken, der dann aufgegriffen werden kann, sich potenziert, reist, sich wandelt, wirkt. Magie halt, sehr effektive. Die funktioniert naheliegenderweise viel besser, wenn man den Gedanken klar und kurz ausdrückt und in diese kleine Form viel Kraft steckt. Ein langer Blogpost ist was ganz anderes, der zieht zwar auch irgendwo am (Spinnen-)Netz, aber auch wenn viele ihn lesen eher auf sanfte Art. Bloggen u.ä. ist Arbeit am (Diskurs)Palimpsest. Twitterzauberei kann sein: Wie diese Technik, in der man über seine Gedanken schreibt, dann die Wörter einkreist, die zentral erscheinen. Diese in die Mitte des nächsten Blatts schreibt und darüber wieder schreibt. Undsoweiter.
Diese Technik kenne ich übrigens aus dem Coaching, bin dann später darauf gestoßen, daß sie auch als Methode zum Sigillen erschaffen benutzt wird. Das leuchtete mir sehr ein. Traumreisen sind ja auch Geistreisen, wenn man sie so nutzen mag.
Ich würde also gerne mal eine Coaching-Zauberin oder sowas werden, wenn ich groß bin.
Natürlich liest kaum wer meine Tweets, was sehr dem Teil von mir entgegen kommt, der jedes Mal in Panik gerät, wenn ich anfange, wirksam und sichtbar zu werden. Der wollte einen Post hier darüber schreiben, daß die Twitterei ihn beängstigt! Mich beängstigt sie aber eigentlich gar nicht. Es interessiert mich auch derzeit erstaunlich wenig, wie viele oder wenige Leute mich da lesen. Darum geht es ja nicht. Wenn es eine Diskussion gibt, die wichtig ist, dann muß ich mich nur an der richtigen Stelle einhaken, um einen Effekt zu erzielen. Das glaube ich mir jetzt nicht. Ich sage mir: Ha, das redest du dir solange ein, bis du es machen willst, es aber nicht funktioniert, weil dich ja eh niemand lesen will!
Darauf antworte ich mir, schon gut, Süße, alles ist ruhig und ok, red du nur. Ich denke nämlich, ich weiß, wie das geht, mich einzuhaken, ich hab es schon getan, ich kann es wieder tun, wenn ich mich nur traue. Und wenn der richtige Zeitpunkt da ist. Der, an dem ich es wichtig genug finde, um aufzuhören, darüber nachzudenken.
Im Stuttgarter Schloßpark sind Hundertschaften der Polizei angerückt, mit Wasserwerfern und Tränengas, um den Baumfällarbeiten für Stuttgart 21 den Weg freizuräumen. Viele Menschen versuchen gemeinsam, die Bäume zu beschützen, offenbar hat sie Polizei angekündigt, den Einsatz abzubrechen wenn tausende Demonstrant_innen vor Ort sind. Die Tweets sagen, es werden noch mehr Leute gebraucht, alle denen es möglich ist, sollen in den Park kommen.
Ich bin nicht dort. Warum nicht?
Ich bin bei der Arbeit, bereite Ferienprogramm für Grundschulkinder vor und sorg dafür, daß der Jugendtreff geöffnet ist heute nachmittag.
Warum?
Nicht, weil ich besonders engagiert bin. Wenn ich engagiert wäre, wäre ich in Stuttgart. Warum dann?
Ich weiß nicht, aus mangelnder Entschlossenheit? Weil ich offenbar entweder nicht weiß, was wirklich wichtig ist für mich, oder den Mut nicht habe, danach zu leben. Diesen Job mache ich nicht aus innerer Überzeugung. Ich halte zwar den Job selbst für wichtig, aber ich finde nicht, daß dringend ich ihn machen sollte. Es gibt so viele Menschen, die es lieben, mit Gruppen von Jugendlichen zu arbeiten, und es dementsprechend auch richtig gut können. Die sich als ganze Menschen in so eine Arbeit einbringen würden, ständig neue Ideen hätten, dies oder jenes Projekt mit Elan starten würden, gefolgt vom nächsten. Die Massen an Fachwissen mitbringen und die Vernetzung mit Kolleg_innen von überall organisieren.
Auch ich sehe irgendwo das Potential, das meiner Arbeit innewohnt. Man könnte so viel machen. Wenn ich die Gesellschaft verändern will, dann ist Kinder- und Jugendarbeit genau der richtige Ansatzpunkt, und das habe ich auch während meines Studiums immer vertreten. Doch jetzt, in der Praxis, kann ich überhaupt nicht die Verbindung zu meiner Aufgabe und zu meiner Arbeitsstelle aufnehmen, die ich bräuchte, um richtig durchzustarten und auch etwas zu bewirken. Ich schau mir das alles von halb außen an. Mir fehlt die Begeisterung. Ich fühle mich nicht kompetent. Ich fühle mich nicht kreativ oder innovativ. Es ist mir alles ein bißchen egal. Ich habe direkt das, was ich nie wollte: Einen Job, der vor allem ein Job für mich ist. Und meine Priorität liegt auf den Reparaturarbeiten, die ich an meiner Psyche und meinem Privatleben versuche vorzunehmen.
Zu diesen Reparaturarbeiten, finde ich, würde es auch dazugehören, daß ich das tue, was ich wirklich für akut wichtig halte, um mir selber zu zeigen, daß ich mir vertrauen kann, und daß ich kein unmoralisches faules Arsch bin. Zum Beispiel nach Stuttgart fahren, jetzt. Ich hab das Gefühl, ich sollte alles über den Haufen schmeißen und losfahren. Aber ach, der böse Job hält mich ja ab, denn wenn ich einfach abhau, hab ich kein Geld mehr. Kann ich also gar nicht!
Nur – da mache ich mir ja auch wieder etwas vor. Mein Privatleben schmeiß ich nämlich nicht durcheinander, um zivilen Ungehorsam zu praktizieren. Ich könnte ja auch am Wochenende die Parkschützer_innen unterstützen gehn. Da hab ich aber was vor, was ich nicht bereit bin aufzugeben. Bin ich also doch ein unmoralisches Arsch. Denn was mir peripher wichtig ist, würde ich opfern um was Gutes zu tun, doch was mir wirklich wichtig ist, das taste ich nicht an. Oder vielleicht ist es so, daß wenn ich nicht so viel Zeit in der Arbeit verbringen müßte (??), ich meine wichtigen privaten Sachen wann anders außer an wenigen Wochenenden machen könnte. Und dann könnte ich an den Wochenenden demonstrieren. Also, ich weiß nicht, ob ich nun ein Opfer des fiesen Arbeits-blahdingens-Systems bin, oder einfach nur faul und unmotiviert. Oder Opfer eines Denksystems, in dem Opfer bringen etwas Tolles ist.
Jedenfalls bin ich froh, daß es offenbar immernoch eine Menge Leute zu geben scheint, die entweder solche Kopfprobleme wie ich nicht haben, oder so stark sind, sich darüber hinwegzusetzen. Sonst wär jetzt nämlich niemand in dem Park, außer die Baumfäller.
jetzt erinner ich mich schonwieder kaum mehr daran, wie das nochmal ging, also müssen meine finger sich erinnern.
und da klingelt das telefon, ich gehe rüber ins andere büro, sage professionelle dinge auf mehr oder minder professionelle art, und es ist wirklich gut, daß es diesen winzigen bereich gibt, in dem ich wenigstens weiß, welche antwort ich geben kann. weil es eben fristen gibt, und namen auf listen stehen. listen, in deren perfektionierung ich über gebühr zeit stecke, weil ich die zeit ja habe und ihre existenz mich beuruhigt. von unten schallt die immer gleiche musik. wenn ich hier besucherin wäre, würde ich rückwärts wieder rausgehen, wenn ich diese songs schon wieder hören würde, jeden tag.
pause, da kann ich legitim am computer sitzen und über dinge tippen, die mich interessieren. was interessiert mich? meine sich wichtig nehmenden beiträge zu irgendwas, zur blogosphäre oder so ähnlich, die versinken meistens in meinem gehirn, weil ich komischerweise nie die ruhe oder den mut finde, sie zu schreiben.
ich möchte mal sagen, ich verstehe das nicht so richtig. gar nicht darüber nachdenken, daß wenn ich in die tiefe gehe ich bestimmt eine gute erklärung für alles finden kann. sondern einfach stehenbleiben auf diesem anfängerplatz: also, wie geht das jetzt? und warum so, und nicht anders?
ich möchte meine energie nach außen lenken und meine fähigkeit zum aufstellen zielgenauer theorien zur diskussion von dingen nutzen, und nicht, um mehr schrift, mehr erklärungen, mehr warnschilder auf meinen eigenen, ich weiß nicht, ideellen körper oder so zu schreiben. geht das? das fühlt sich an wie der versuch, auf morastigen bodensatz mit auf der oberfläche treibenden leichen ein standfestes gebäude zu bauen.
ich möchte überhaupt nicht, daß das jemand liest, oder? deshalb höre ich auf, wenn es spannend wird, und ziehe um, wenn die zuschauer sich mehren und jemand auf mich zu achten beginnt.
pause vorbei.
habe geträumt, daß ich bei einer freundin zu besuch bin… ihre wohnung ist riesengroß, gewaltig, mit garten und überall tieren. ich bin im bad und um mich kreucht und fleucht es, eidechsen, meerschweinchen, und der raum fühlt sich an wie offen, voll licht.
einer von mehreren setsamen und erotisch konnotierten träumen in der letzten zeit. immer dann, wenn ich lange schlafe und also die gelegenheit zum ausgedehnten verarbeiten habe. dieser hier war ebenfalls beunruhigend, aber ich bevorzuge ihn vor dem, in dem man mir den bauch aufschneiden und den blinddarm rausoperieren wollte, und ich spürte schon meinen bauch wegen der betäubung nicht mehr, wohl aber den schrecken, weil die weisen frauen/ wilddruden mich gleich aufschneiden würden.
es kommen in den träumen eine menge frauen vor. meine mutter, meine großmutter, diese freundin, die weisen frauen/ wilddruden, begegnungen nebenbei. und tiere auch, keine der tiere, die mir nur nervosität signalisieren, wie spinnen und wespen, sondern ganz viele andere kleine tiere eben, mit denen ich gar nicht unbedingt überhaupt was zu tun hatte bisher. kann aber auch sein, daß das an der freundin liegt, bei der all das spielte, in deren realem zimmer die hamster durch große käfige rennen. (jetzt weißt du, daß du das bist, hallo! :))
draußen regnet es ganz schön.
ich beobachte viele interessante dinge.
Da ist dieses kleine Mädchen mit den blonden Zöpfen, die vernünftige große Schwester (einer verwöhnten kleinen), meine Großmutter. Sie soll das Geschirr spülen, damals sicher noch nicht in der Spüle, die ich kenne, mit dem fließenden heißen Wasser. Zumindest wird sie das Wasser heiß machen müssen. Dabei würde sie viel lieber ihr Buch weiterlesen, es ist gerade so spannend, daß sie kaum aufhören kann. Nachdem sie den Topf auf den Herd gestellt hat, schaut sie sich um, ob keiner guckt, dann legt sie das Buch in die Schublade unter dem Spülbecken. Beim Spülen schaut sie nach unten und folgt den Worten, während ihre Hände arbeiten.
Irgendwann, obwohl sie ihre Arbeit erledigt, wird sie erwischt. Der Vater brüllt wohl, vielleicht auch anderes – der Vater ist sowieso ein gefährlicher Mann (deshalb hat sie später einen ganz anderen, einen sanften, geheiratet, der in fast allem auf sie hörte). Die Mutter schimpft beim ersten Mal, doch wenn der Vorfall sich wiederholt, fängt sie zu schweigen an. Das ist ein kaltes, erstarrtes Schweigen, in das die ganze Küche gehüllt ist. Es verursacht eine ständige Stimmung von Groll und Enttäuscht sein, und das kleine Mädchen weiß genau, daß alles ihre Schuld ist. Sie konnte ja nicht hören, und die Mutter hat allen Grund, ihr die Liebe zu entziehen, sie sie sowieso nicht verdient hat.
Als sie groß ist und selbst eine Familie hat, hat sie sich das Lesen längst abgewöhnt. Es gab immer zu viel Arbeit, da blieb für solche Sperenzchen keine Zeit. In ihrem Haus gibt es nicht viele Bücher: Die Bibel, das Gesangbuch, ein oder zwei andere vielleicht noch, die der Mann mitgebracht hat. Was sie aber nicht vergessen hat, das ist das Schweigen. Sie benutzt es oft. Wenn der Mann, die Tochter, die Schwester nicht tun, was sie von ihnen will, dann gibt sie ihnen Unwohlsein. Nicht, daß sie das planen würde. Es ist eher so, daß die Kälte ganz von allein in ihr heranwächst, zusammen mit einem Gefühl der Hilflosigkeit. Kann sie sich gar nicht verständlich machen, oder ist denen alles egal? Niemand reagiert auf sie, auf ihre Wünsche. Es ist so einfach, der Kälte nachzugeben, sich hinter eine Wand des Schweigens zurückzuziehen, auf die alle reagieren müssen, die alle in ihrem Alltag beeinflußt, und damit die Macht in der Hand zu haben. Viel einfacher, als zu versuchen, zu den anderen durchzudringen, indem man redet – vielleicht erfolglos, und auf das Risiko hin, Kompromisse machen zu müssen.
Das Mädchen, nein, die Frau schweigt, und alles dreht sich um sie, sie ist der Mittelpunkt der Sorge, der Vorsicht, der bangen Erwartung. Es ist die einzige Art, wie sie je im Mittelpunkt stehen könnte.
Über die Zeit gleiten die Zügel ihr aus der Hand. Die Tochter lernt ihre Methoden, aber trotzdem verläßt sie das Haus. Der Mann ist schon tot, die Schwester auch weggezogen, schon lang. Was sie immer befürchtet hat, ist eingetreten: Alle haben sie verlassen. Die Enkeltochter reagiert noch auf das Schweigen und auf die Tränen, die jetzt hinzugekommen sind, doch irgendwann ist selbst die weit weg, und das Alleinsein greift um sich. Niemandem bedeutet sie etwas, glaubt sie, niemand denkt an sie, sie glaubt, sie ist eine einsame alte Frau ohne Liebe. Das glaubt sie schon, da ist sie noch keine sechzig.
Mir hat nie jemand verboten, mein Buch zu lesen, auch wenn die Großmutter meinem Lesewahn mit mildem Unverständnis begegnet ist. Aber ich habe noch gelernt, daß Schweigen eine Waffe ist, die man gegen alle richten kann, die einen lieben (nur dann funktioniert sie richtig). Ausprobiert habe ich es nicht, aber ich habe es erfahren. Schweigen ist eine Strafe. Es sagt, du hast etwas Falsches getan, und ich entziehe dir meine Zuneigung. Es sagt, Zuneigung ist nicht bedingungslos. Sie muß durch artiges Verhalten verdient werden. Zuneigung ist wankelmütig, sie ist mal da, dann wieder weg, nie einzufangen, nie vertrauenswürdig. Auch sie mit Macht festhalten zu wollen, Reaktionen zu erzwingen, ist letztlich zum Scheitern verurteilt, doch es ist die einzige Option, die du hast. Einer Zuneigung, die dir ins Gesicht starrt und nicht fortgeht, auch wenn du sie nicht hältst, der kannst du nicht glauben. Sie kann das wahre Ding nicht sein.