also früher…

… also früher war das so, da habe ich um hierarchien zu vermeiden die buchstaben einfach alle gleich klein geschrieben, und der text brauchte keinen anfang und kein ende, außer es lief ihm so zu.
ich bin mit c. essen gegangen (das dessert schmeckte wie ein orgasmus), und danach gingen wir so durch die stadt, wie ich das im gegensatz zu früher gar nicht mehr oft tue (diese stadt in der ich wohne ist noch gar nicht zu fuß von mir erobert worde), naja jedenfalls wir spazierten, und wir landeten auf den schaukeln eines spielplatzes und umrundeten einmal das schloss undsoweiter, und langer rede kurzer sinn, das gespräch kam aufs schreiben.
sowieso wollte ich mal wieder übers schreiben schreiben.
habe ich ja früher am laufenden band so gemacht. schien motivierend zu sein, so auf dauer.
ich wollte erzählen, dass sich so langsam, langsam der wust an neuen herausforderungen lichtet, alltagsaufgaben vertrauter werden, und sich damit wieder mehr energie freischaltet, die für fiktion benutzt werden kann. und ich erinnere mich, wie wichtig mir das immer noch ist, dieses wortzeugs da. unter anderem, aber trotzdem.
und es ist schon eine weile her, glaube ich, dass ich abends müde vorm bildschirm gesessen und was ins internetz geschrieben hab: also früher! da war das der lifestyle! das war praktisch die essenz des lifestyles!
und jetzt

2010

Hat wohl doch nicht so geklappt mit der Geräuschwoche, aber macht nichts, dann mach ich es wann anders. Über sowas möchte ich mich nicht mehr aufregen.

Ich denke gerade, ob ich nicht auch mal einen Jahresrückblick machen möchte. Die letzten Jahre kam mir das bei anderen immer eher seltsam vor, aber ich erinnere mich nicht mehr, wieso. In der Mitte dieses Jahres wollte ich geordnet zurückblicken und wurde zu traurig dabei, um es durchzuziehen. Doch die ganz traurigen Dinge, die mir jetzt noch nachgehen, liegen in 2009. 2010 habe ich mich zwar zeitweise schrecklich schlecht gefühlt, aber jetzt aus der Distanz bin ich über die Leiden des Jahresanfangs gut hinweg gekommen, im Gegensatz zu denen des vergangenen Jahrs.

Silvester verbrachte ich noch in Leipzig mit Fay und mit M, die mich kaum ansah. Ich wanderte mit Abschiedsschmerz und Bedauern im Bauch am Haus des Exfreunds vorbei, meine Kisten waren verpackt und untergestellt, der kleine Transporter stand bereit. Neujahr fuhren wir gen Mannheim, in die Zwischenmiete-WG.

Januar begann mit offenem Blick und mit allen Möglichkeiten, ohne feste Wohnung, ohne Job, ohne viel mentalen Ballast, aber mit lieben Menschen und ausreichend Unterstützung in der Nähe. Außerdem liebte ich diese WG, die riesige Küche mit himmelblauer Decke und dunklem Dielenboden, vertraut scheinender Geruch gleich beim in den Flur kommen, ein Bett,  in dem ich keine Nackenschmerzen bekam, jede Menge Platz und angenehme Mitbewohner auch noch.

Entgegen aller Erwartungen wurde es eine ganz harte Zeit, Januar bis April, weil mir jemand ganz überraschend den Rücken zukehrte und der (noch gar nicht so) alte Schmerz von 2009 zusammen mit dem neuen als Tsunami über mir zusammenschlug. Die Arbeitsagentur drohte mir mit „Sie müssen jeden Job annehmen“, und ich verfiel in Panik bei dem Gedanken, die Stadt wegen eines Jobs gleich wieder verlassen zu müssen und dann wirklich in die Fremde zu gehen, wo mir niemand in dieser Krise den Rücken stärken würde. Das erste Mal dachte ich, ich komme damit allein nicht mehr richtig zurecht, und ich suchte nach Hilfe.

Januar, Februar, März verschwimmen, ich denke an das gute Gefühl der nach wie vor offen stehenden Möglichkeiten, den Schnee auf den Straßen, Freund_innen, Familie. Daß der Rhein mir jedes Mal weitergeholfen hat, wenn ich nicht mehr konnte. Lange Chats mit A. Und die unhaltbare Trauer an allen Ecken, Häutung, juckende Haut, Rose Kemp mit Kopfhörern hören und sich entsetzlich einsam fühlen. Keine Lösung parat haben. Endlich der Kollaps all dessen, was schon im Jahr zuvor eigentlich nicht mehr gestanden hat und nur noch duch Fassaden Substanz vorgaukelte.

Endlich rettend der April – denn da fuhr ich nach Leipzig zum Disillusion-Konzert. Jetzt fühlte ich mich dort, von wo ich so lange weg gewollte hatte, ganz zuhaus. Nach dem Konzert wanderte ich zu Fuß bis zu Fays Wohnung, durch die vertraut anmutenden Straßen, mein Kopf sang „Alone I stand in fires“ – daheim updatete ich meinen Facebook-Status mit „awoke from sorrow’s sleep“.

Kurz darauf begann ich meine Arbeit im ersten richtigen Job und war mit einem Mal zu abgelenkt, um zermürbende Gedankenkarusselle in meinem Kopf drehen zu lassen. Ich lernte, wie gut es tun kann, keine Zeit zum Überlegen haben zu können, sondern einfach reagieren zu müssen, jetzt, hier. An diesen Punkt kommt man schwer über Erkenntnis, man muß das üben und/ oder dazu gezwungen sein.

Meine noch immer bestehende Offenheit wurde nicht mehr permanent von komplizierten Überlegungen geblockt. Ende April reiste ich mit ihr im Gepäck gutgelaunt zur Beltaine-Feier, um danach monatelang einen Großteil meiner Zeit auf rosa Wölkchen zu verbringen. (Im Mai habe ich, soweit ich mich erinnere, kaum etwas gemacht außer mich zu freuen.) Am Tag nach der Feier schaute ich mir eine WG an, immernoch in bester Stimmung. Es klickte. Anfang Juni zog ich ein.

Mitte des Jahres habe ich angefangen, einen Kalender zu führen, was ich seit Jahren nicht getan habe. Das Juli-Blatt ist komplett mit möglichen Terminen gefüllt. Das war so beruhigend, in diesen Kalender zu schauen und deutlich den Beweis zu sehen, daß ich „ein Leben habe“, daß ich Unternehmungen in Angriff nehme, die ich schon lange, lange mal machen wollte. Daß keine Zeit war, traurig zu sein oder die Verwirrung über all die veränderten Maßstäbe und die verlorenen Zukunfsvorstellungen die Überhand gewinnen zu lassen. Der Sommer war eine Enklave der Aktion. Die Blase würde irgendwann platzen, doch bis dahin würde ich Schwerter schwingen und tanzen bis zur Erschöpfung.

„And still I’m hoping fall would never come.

But it came.“

Es war früher August, als die Blase platzte. Die beiseite geschobene Desorientierung kam wieder an die Oberfläche, der Schmerz, von dem ich meinte, er müssen längst aufgehört haben. Es erwischte mich die volle Ladung der Erkenntnis von Neuem, daß ich dabei war, mein Leben aus Ruinen wieder aufzubauen, und ich überfordert war, weil mir gänzlich die Werkzeuge fehlten. Meine über Jahre eingeübten Handlungsmuster standen mir nun mehr im Weg als daß sie mir helfen konnten, diese Herausforderung zu bewältigen: Freiheit. Zuviel Freiheit.

Zum ersten Mal konnte ich mir vorstellen, warum die existenzialistische Leere etwas Bedrohliches sein sollte. Zuviel Verantwortung, und die große Furcht, ihrer nicht Meisterin werden zu können.

In dieser Zeit bin ich mir selber unendlich auf die Nerven gegangen. Es ist schrecklich ermüdend, so nah am Wasser gebaut zu sein und durch alles und jeden am laufenden Band getriggert zu werden. Ich hätte mich am liebsten gegen ein funktionierendes Ersatzexemplar ausgetauscht. Fortwährend war ich mit dem Konstruieren von Problemen beschäftigt; dabei konnte ich mich genau beobachten und mir erklären, was ich da machte. Es war mir ganz klar, daß ich selbst diese Schwierigkeiten bastelte, aber auf der mich am stärksten steuernden Ebene halt dann doch nicht. Die glaubte: das ist alles wahr. Sie glaubte: Niemand will dich, du hast keinen Ort, du bist nichts, du weißt und kannst nichts. Das sind überzeugende Glaubenssätze, dagegen kommt die Vernunftstimme nicht an.

Ich weiß nicht, wie lange das so gehalten hat, aber irgendwann war es besser. Tatsächlich habe ich es geschafft, meine Aufmerksamkeit auf mich selbst und das Jetzt zu fokussieren, anstatt immer nur in die Ferne zu starren, das half.

Samhain schaute ich recht zufrieden auf mein Jahr zurück. In allem, was mir in dieser Zeit weh getan hat, und obwohl ich ein paar der miesesten Monate meines Lebens verbracht habe, habe ich während all der Zeit genau gespürt, daß der Weg stimmt, auf dem ich bin, weil ich mich irgendwie mir selbst mehr annähere. Und mich bewege, anstatt stillzustehen und zu jammern.

Oktober und November arbeitete ich Vollzeit, sie rannen vorbei.

Jetzt Dezember, der Winter war kurz bisher.

Ich bin auf der Erde angekommen, zumindest mehr als vorher. Ich bin konkreter geworden. Ich habe meine Handlungsfähigkeit ausprobiert, ein wenig, da wird noch viel mehr kommen. Ich habe mir einen Haufen Magie in den Körper gezaubert, mit der ich jetzt etwas machen kann.

Die Welt ist voller offener Türen. (Immernoch.)

Und ein bißchen ein Fundament habe ich. Das schadet auch nicht.

Erbe

Da ist dieses kleine Mädchen mit den blonden Zöpfen, die vernünftige große Schwester (einer verwöhnten kleinen), meine Großmutter. Sie soll das Geschirr spülen, damals sicher noch nicht in der Spüle, die ich kenne, mit dem fließenden heißen Wasser. Zumindest wird sie das Wasser heiß machen müssen. Dabei würde sie viel lieber ihr Buch weiterlesen, es ist gerade so spannend, daß sie kaum aufhören kann. Nachdem sie den Topf auf den Herd gestellt hat, schaut sie sich um, ob keiner guckt, dann legt sie das Buch in die Schublade unter dem Spülbecken. Beim Spülen schaut sie nach unten und folgt den Worten, während ihre Hände arbeiten.

Irgendwann, obwohl sie ihre Arbeit erledigt, wird sie erwischt. Der Vater brüllt wohl, vielleicht auch anderes – der Vater ist sowieso ein gefährlicher Mann (deshalb hat sie später einen ganz anderen, einen sanften, geheiratet, der in fast allem auf sie hörte). Die Mutter schimpft beim ersten Mal, doch wenn der Vorfall sich wiederholt, fängt sie zu schweigen an. Das ist ein kaltes, erstarrtes Schweigen, in das die ganze Küche gehüllt ist. Es verursacht eine ständige Stimmung von Groll und Enttäuscht sein, und das kleine Mädchen weiß genau, daß alles ihre Schuld ist. Sie konnte ja nicht hören, und die Mutter hat allen Grund, ihr die Liebe zu entziehen, sie sie sowieso nicht verdient hat.

Als sie groß ist und selbst eine Familie hat, hat sie sich das Lesen längst abgewöhnt. Es gab immer zu viel Arbeit, da blieb für solche Sperenzchen keine Zeit. In ihrem Haus gibt es nicht viele Bücher: Die Bibel, das Gesangbuch, ein oder zwei andere vielleicht noch, die der Mann mitgebracht hat. Was sie aber nicht vergessen hat, das ist das Schweigen. Sie benutzt es oft. Wenn der Mann, die Tochter, die Schwester nicht tun, was sie von ihnen will, dann gibt sie ihnen Unwohlsein. Nicht, daß sie das planen würde. Es ist eher so, daß die Kälte ganz von allein in ihr heranwächst, zusammen mit einem Gefühl der Hilflosigkeit. Kann sie sich gar nicht verständlich machen, oder ist denen alles egal? Niemand reagiert auf sie, auf ihre Wünsche. Es ist so einfach, der Kälte nachzugeben, sich hinter eine Wand des Schweigens zurückzuziehen, auf die alle reagieren müssen, die alle in ihrem Alltag beeinflußt, und damit die Macht in der Hand zu haben. Viel einfacher, als zu versuchen, zu den anderen durchzudringen, indem man redet – vielleicht erfolglos, und auf das Risiko hin, Kompromisse machen zu müssen.

Das Mädchen, nein, die Frau schweigt, und alles dreht sich um sie, sie ist der Mittelpunkt der Sorge, der Vorsicht, der bangen Erwartung. Es ist die einzige Art, wie sie je im Mittelpunkt stehen könnte.

Über die Zeit gleiten die Zügel ihr aus der Hand. Die Tochter lernt ihre Methoden, aber trotzdem verläßt sie das Haus. Der Mann ist schon tot, die Schwester auch weggezogen, schon lang. Was sie immer befürchtet hat, ist eingetreten: Alle haben sie verlassen. Die Enkeltochter reagiert noch auf das Schweigen und auf die Tränen, die jetzt hinzugekommen sind, doch irgendwann ist selbst die weit weg, und das Alleinsein greift um sich. Niemandem bedeutet sie etwas, glaubt sie, niemand denkt an sie, sie glaubt, sie ist eine einsame alte Frau ohne Liebe. Das glaubt sie schon, da ist sie noch keine sechzig.

Mir hat nie jemand verboten, mein Buch zu lesen, auch wenn die Großmutter meinem Lesewahn mit mildem Unverständnis begegnet ist. Aber ich habe noch gelernt, daß Schweigen eine Waffe ist, die man gegen alle richten kann, die einen lieben (nur dann funktioniert sie richtig). Ausprobiert habe ich es nicht, aber ich habe es erfahren. Schweigen ist eine Strafe. Es sagt, du hast etwas Falsches getan, und ich entziehe dir meine Zuneigung. Es sagt, Zuneigung ist nicht bedingungslos. Sie muß durch artiges Verhalten verdient werden. Zuneigung ist wankelmütig, sie ist mal da, dann wieder weg, nie einzufangen, nie vertrauenswürdig. Auch sie mit Macht festhalten zu wollen, Reaktionen zu erzwingen, ist letztlich zum Scheitern verurteilt, doch es ist die einzige Option, die du hast. Einer Zuneigung, die dir ins Gesicht starrt und nicht fortgeht, auch wenn du sie nicht hältst, der kannst du nicht glauben. Sie kann das wahre Ding nicht sein.

kreise, 2

In meinem allerersten Blog und auch noch später im LJ habe ich recht viel Aufmerksamkeit der Erforschung eines bestimmten psychischen Zustands gewidmet, der mich zuweilen heimsuchte oder den vielleicht ich suchte, um ihn heimzuholen. Grob umrissen handelte es sich um eine Form von Melancholie, bei der ich aber immer das Gefühl hatte, sie sei mehr als das.  Sie wollte mir etwas sagen, über mich, die Welt und was zwischen uns war. Sie barg ein immenses Reservoir an künstlerisch Möglichem, als lauere hinter der Unfähigkeit, im Moment die richtigen Worte formulieren zu können, jedes Gefühl und jede Metapher, die ich als Autorin je brauchen würde. Ich mußte nur den Zugang dazu finden. Der Zustand war ein schmerzhaftes Beinah, aber noch nicht ganz, ein unter der Glaskuppel liegt das Land. Ausgelöst wurde er von der Wahrnehmung großer Schönheit, und der Neid war eng verschlungen mit ihm: Würde ich je etwas derart Perfektes erschaffen können?

Der Zustand war wirklich wichtig für mich. Er half, mich im Gleichgewicht zu halten. Ein großer Schmerz, aber immer in Grenzen, in einem Raum, wo ich ihn als ästhetisch umdefinieren und als unverzichtbaren Teil meiner selbst wahrnehmen konnte. Meine Verhaltensweisen in diesem Zustand, die recht unleidlich sein konnten, kannte ich genau. So konnte ich per Code, mit dem ich den Zustand benannte, meine Freund_innen informieren, wie sie mich im Moment zu verstehen hatte, inwieweit man mich gerade ernstnehmen mußte oder eben nicht. Mein Zustand war so immer nah am Limit, aber nie lebensgefährlich oder tödlich für wichtige Beziehungen.

So in etwa erinnere ich mich. Ich durchforste alte Posts und lese die direkte Beschreibung aus dem Zustand heraus. Um Kunst geht es da, kleiner wird der Begriff nicht, um sprachlos ob eines Dings zu sein, das beschrieben werden muß. Um Lähmung der Stimme und der Hand angesichts der wundervollen Worte anderer. Ah, da kommt es mir wieder. So weit ist es vielleicht doch nicht weg.

Im letzten Jahr irgendwann bemerkte ich, daß mein besonderer Zustand mir abhanden gekommen zu sein schien. Schlechte Laune kannte ich noch, Traurigkeit, doch nichs davon hatte künstlerische Qualität (was heißt das?). Schleichend verwandelte sich dann meine geschätzte (wenn auch zuweilen gehaßte) Melancholie in tatsächliche Traurigkeit. Sie verließ ihren so konstruktiv gesteckten Rahmen, ließ sich nicht mehr sublimieren oder zelebrieren.

Ich lernte etwas über einen schlechten psychischen Zustand, der länger als einen Abend dauerte, und dessen Tür ich nicht auf- und zuschließen konnte. Es war widerlich. Ich wollte meinen Code-Zustand zurück haben. Die gefühlte Sprachlosigkeit war da (dabei sind das die Zeiten, zu denen ich am meisten schreibe), doch kein Bild/ Topos entstand daraus. Ich war ein trauriger Mensch, kein leidender Künstler.

Daß das zurück kommt, davor fürchte ich mich. Der alte Zustand aber — ich sehe, er definiert mich nicht mehr. Wohin habe ich mich bewegt? Wer bin ich dann jetzt, ohne den Teil, den ich als so wesentlich an mir fand? Oder ist er gar nicht verschwunden?

„ich frage mich später, ob diese momente mein alibi für den mangel von leben in meinem leben sind. für alle tage und nächte, die an mir vorbeigehen, ohne vertanzt, verweint, verquatscht, … worden zu sein.
ob ein ganz tiefer und nicht wirklich erträglicher schmerz mir das werkzeug ist, vor mir selbst so zu tun, als ob ich ja doch ganz intensiv leben und jeden moment auskosten würde, aber ob ich das tue weiß ich nicht.“

10.03.2006

Was ich eigentlich schon sehr lange mal schreiben wollte

Hatte nicht vor, heute nacht noch was zu schreiben, aber diesen Gedanken muß ich kurz festhalten.

Gerade habe ich eine der Livejournal-Communities aufgesucht, in denen 2006 bis 2008 unsere spezielle Ecke des deutschsprachigen Fandoms ihr Unwesen getrieben hat. Es war wie die Besichtigung einer gut erhaltenen Ruine: mit Hinterlassenschaften gefüllt, aber ohne Leben. Ohne weitere Besucher oder Anwohnerinnen.

Letztes Jahr irgendwann kündigte eine gute Fandom-Bekannte an, ihr Journal zu löschen und woandershin zu gehen. Sinngemäß begründete sie das mit der ganz normalen Bewegung und Veränderlichkeit der Dinge. Daß eben irgendwann der Ort, an dem man gelebt hat, nicht mehr paßt, und man an einen anderen geht. Meine Community, wie ich sie geliebt hatte, existierte zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr, aber ich wollte es nicht wahr haben. Ich brauche immer eine ganze Weile, um Veränderungen in Bezug auf die Verbindungen zwischen Menschen und auch Orten akzeptieren zu können. Die gute Bekannte hatte völlig recht mit ihren Gründen, auch wenn für mich an ihrer Stelle wohl aufgrund meiner Persönlichkeit ein so radikaler Abschluß nicht infrage gekommen wäre .  Zu jenem Zeitpunkt aber fühlte es sich an, als würde sich alles erst jetzt auflösen, da sie ging und die Veränderung manifest werden ließ.

Seit einer ganze Weile habe ich keine Fanfiction mehr geschrieben; irgendwann hörte ich auch auf, in mein Livejournal zu schreiben. Dafür gibt es sicher mehrere Gründe. Ich dachte, eine der Hauptursachen sei meine Furcht, den in meiner eigenen Wahrnehmung starren Erwartungen nicht gerecht werden zu können, oder der zunehmend kritischer werdene Blick in einer Gemeinschaft — dem LJ/ Dreamwidth-basierten Media-Fandom — das mir zu Anfang als sehr akzeptierend und, nun, niedrigschwellig begegnet war. [1] Zudem geriet ich, sowohl in Bezug auf Fanfiction als auch auf Journaleinträge, immer mehr in Sprachkonfusion. Ich wußte nicht, ob ich auf englisch oder deutsch schreiben sollte, die Hälfte der Posts und der Großteil der Fanfic die ich las war schließlich auf englisch geschrieben, und die meisten Quellentexte/ Fandoms waren ebenfalls englischsprachig. Die Sprachfrage war auch eine Rezipientenfrage. Für wen wollte ich schreiben? An welchen Diskursen wollte ich teilhaben? Ich wollte ein Teil der großen Fancommunity sein, die ich aus der Zaunreiter- und Von-halb-innen-Beobachterperspektive so gut kannte, fühlte mich aber grenzenlos überfordert, sprachlich, inhaltlich, sozial, kreativ.

Aus dem Abstand sehe ich besser, daß zur Zeit meiner Konfusion, als ich in jedem zweiten Journaleintrag überlegte, was ich mit dem Journal anfangen sollte, die eigentliche Community als deren Teil ich mich wirklich gefühlt hatte, diese kleine deutschsprachige Ecke, bereits zum größten Teil verschwunden war. Menschen und Motivationen hatten sich überall hin verteilt, die alten Livejournal-Comms blieben leer. Mein Orientierungsproblem hatte nichts (oder nur am Rande) mit einer Wandlung des großen „LJ-based-Mediafandom“ zu tun, sondern schlicht damit, daß da ein Freundeskreis auseinandergedriftet war. Wie das eben passiert, vor allem wenn die meisten Freund_innen gerade mal um die 20 sind.

Manche haben zu posten aufgehört; andere schreiben nicht mehr über Fandom oder zumindest nicht mehr in den Communities. Wieder andere sind dazu übergegangen, nur noch auf englisch zu posten, um mit anderen, aktiveren Teilen des Fandoms im Kontakt sein zu können. Manche, vor allem die Älteren, sind noch da, in ihren eigenen Journals, und wie ich meiden sie die Ruinen, in denen wir einst unsere Orgien gefeiert haben.

Als ich mit dem Schreiben von Fanfiction angefangen habe, war da nur im Hintergrund etwas wie eine Gemeinschaft spürbar, nämlich die Leute, die die großen Archive benutzten. Ich las ihre Geschichten, kommentierte manchmal, bekam Kommentare zu meinen Geschichten. Viel war es nicht, aber das Wenige an Gemeinschaft, das es gab, war essentiell für mich. Ohne die anderen Fans hätte ich keine der Fanfics beendet, die ich begonnen habe.

Die Livejournal-Leute, die füreinander und aus Spaß an der Freude Fanfic auf deutsch schrieben, motivierten mich, Geschichtchen zu verfassen und online zu stellen, die vorher nie über den Status einer vagen Idee in meinem Hinterkopf hinausgekommen wären. Es ging nicht darum, daß alles großartiger Qualität war, das wir teilten, sondern es ging darum, daß wir es teilten. Und manches davon war großartig. Und es wurde geboren, weil es eine ganze Horde Hebammen besaß.

In meiner Magisterarbeit habe ich in Anlehnung an Kristina Busse darüber geschrieben, daß Fanfiction nie in ihrer Gänze begriffen werden kann, wenn man den Prozeß und den Kontext ihres Entstehens außer Acht läßt. In dem fannischen Universum, in dem wir lebten, erfüllten die Geschichten viele Funktionen. Sie waren der Sekt auf der Party, Besserungswünsche, Kunstprojekte, Graffiti, Umarmungen…

Warum habe ich mich gewundert, daß ich aufgehört habe, Fanfiction zu schreiben? Oder daß ich die englischsprachigen Projekte, die ich geplant hatte, nie in die Tat umgesetzt habe? Meine Geschichten sind entstanden, weil sie tief verwurzelt waren in der Erde dieses Freund_innenkreises, und nun, da die Wurzeln offen liegen, wächst nicht mehr viel. Das ist ein bißchen traurig, aber letztlich wohl ganz normal, und auch nicht aufhaltbar, oder durch bestimmte Personen verschuldet.

Es gibt noch immer ein Fandom, das untereinander Liebe genauso wie Kritik versprüht durch ganz verschiedene Arten von Äußerungen, die einzigartig sind und die ich genau wiedererkenne. Das ist nicht verschwunden, und ich fühle mich dazu auch noch immer zugehörig.

Nur eben nicht auf dieselbe Art zugehörig wie unserer speziellen kleinen Ecke, die ich mit geprägt habe, und die ein zeitgebundenes Phänomen war — wie meine Teenagerfreund_innen auf der Domwiese oder meine Pfadfindergruppe, ein Freund_innenkreis eben — zu dem man nicht zurückgehen kann, auch wenn man wünscht, man könnte es. Kann man Geisterstädten neues Leben einhauchen?

Ich glaube höchstens, wir könnten uns zusammenrotten und etwas Neues anfangen, die die übrig gelieben und verstreut, aber immernoch verbunden sind. Mag sein, daß es gleich wieder kollabieren würde, oder gar nicht entstünde. Oder es würde aufblühen und wunderbar sein. Und etwas ganz anderes, als das, was wir hatten.

[Links werden nachgeliefert.]

[1] Dazu kurz: Eine Schärfung des kritischen Blicks in Teilen des Fandoms hat m.E. wirklich stattgefunden, und ich halte diese Entwicklung für gut und wichtig. Die Auswirkungen auf mich persönlich sind unterschiedlich und zunächst unabhängig von der Frage, wie ich das  Phänomen an sich bewerte. Wie man sieht, ist das ein eigenes großes Thema, auf das ich in diesem Post nicht näher eingehen will.

aufräumen

vielleicht funktioniert erinnerung so: nicht in spiralen, sondern in kreisen, die einander überschneiden, im dreidimensionalen raum. (oder mehr.)

dann kann im inneren des kreises eine nicht zugängliche information verborgen sein, weil wir uns nur auf den kreislinien oder deren peripherie bewegen. damit ist nicht gemeint, daß tatsächlich nicht die ereignisse einer bestimmten zeit erinnert werden können, auch wenn das der fall sein kann, sondern daß dabei durch mangel oder übermaß an distanz keine bewertung gemacht werden, nicht einmal ein gefühlter bezug aufgestellt werden kann.

aus dem wertstatus heraus, der gerade aktuell ist, wird die information im kreis nicht tatsächlich aufgefaßt. sie wird in eine schublade verfrachtet. irgendwann später fährt einer der kreise auf seiner entwicklungsreise wieder mitten durch den ort, wo zuvor die kreismitte war. dann wird die erinnerung aktiviert, und erst jetzt findet die verknüpfung mit den anderen erinnerungen statt, die fest im kreisrand implementiert sind. um nämlich etwas knüpfen zu können, muß man es anfassen und mit allen sinnen wahrnehmen, die man zur verfügung hat – das ist knotenmagie, die nicht leichtfertig behandelt werden sollte.

und es ist sumpfmagie, doch das ist eine andere metapher und wird ein anderes mal erläutert werden.

also,

ich wollte ein blog über polyamory schreiben, nicht nur, aber zum großen teil. darüber, wie es sein kann, so zu leben, und darüber, welche erfahrungen ich teilen kann, um vielleicht jemandem weiterzuhelfen — von wegen nicht die fehler machen, die andere schon für einen gemacht haben. und vor allem gibt es wenige leute, die auf deutsch über poly leben schreiben, und ich dachte, so wie ich nach menschen gesucht habe, die wissen, wovon ich rede, da muß es mehr geben, die sich womöglich freuen, auf meine erzählungen zu stoßen.

auf meine positive perspektive und meine ideen dazu, wie das klappen kann.

jetzt stehe ich schon ein bißchen an einer anderen stelle, aber nicht weit weg.

———

ich bin bei meiner familie und lese in der neuen brigitte, die meine mutter testweise mal wieder gekauft hat. darin redet eine redakteurin mit einem buchautor über die liebe, und wie immer ist das natürlich weltbildpoliererei, ja nicht kratzen.

er (glattauer, daniel) gesteht immerhin zu, daß es in paaren vereinbarungen geben könne, die nicht auf die übliche ‚treue‘ hinauslaufen.

Kein Betrug ist es, wenn zwei eine Abmachung getroffen haben, dass jeder tun und lassen kann, was und mit wem er will, sofern er es den anderen nicht spüren lässt.

, meint er generös. das ist schonmal was, daß er soweit kommt, und so will ich versuchen ihm nicht anzukreiden, daß sein blick doch etwas eng ist hier — eine abmachung kann viele formen haben und muß keineswegs wie diese hier aussehen. (und zwei brauchen es erst recht nicht zwangsläufig sein, die daran beteiligt sind.)

doch der nächste satz stellt gleich klar, woher hier die argumentation kommt.

„Aber, Frau Gerstberger, kennen Sie auch nur eine einzige Beziehung, wo das funktioniert hat?“

frau gerstberger braucht dazu in ihrer antwort gar nicht viel zu sagen, weil ihre leser_innen ohnehin schon verstehend mit dem kopf genickt und die passende replik antizipiert haben.

„nur so viel zum Jeder-darf-alles-und-alle-in-unserer-Beziehung-Gedanken: Das will meist nur der eine, der andere glaubt lediglich, er akzeptiere es aus freiem Willen…“

genau, denn wo kämen wir da hin, wenn zwei (oder sogar mehr) partner_innen tatsächlich dieses wahllose rumgevögel gutheißen würden? no way, da muß etwas falsch laufen. einer ist böse, der andere das opfer. der böse ist der schamlose, der sich holt, was sie/er will, ohne dabei oft genug zu erspüren zu versuchen, wie sich das opfer fühlt, das übrigens zwar in diesem fall offenbar die klappe aufkriegt, um sich zu äußern, aber so in selbsttäuschung feststeckt, daß sie/er gar nicht mehr klar entscheiden kann, was sie/er da eigentlich sagt.

offene und/oder polybeziehungen funktionieren also nicht, und zwar weil… es nämlich keine gibt, die funktionieren. oder war die argumentation andersrum? es gibt keine, weil sie nicht funktionieren. und man weiß, daß es keine gibt, weil herr glattauer und frau gerstberger keine beziehung kennen, „in der das funktioniert hat“.

nun spreche ich mal nicht über das mutmaßliche persönliche umfeld zweier autor_innen, die beide in bereichen bzw. für eine leser_innenschaft schreiben, welche erwartet, daß ihr bildungsbürgerliches heterosexuelles monogames (etc.) weltbild bestätigt und gestreichelt wird; über dergleichen zu reden werden sich mit sicherheit noch ausreichend gelegenheiten bei x anderen themen ergeben.

ein zweiter punkt liegt mir selbst gerade näher. wißt ihr, es ist so: leute, die problemlose und glückliche beziehungen führen, reden in der regel eher wenig darüber. ein bißchen in den ersten monaten über das verliebtsein vielleicht, danach über gemeinsame unternehmungen oder interessen, nicht aber über die beziehung selbst. wenn eine beziehung dagegen irgendwann scheitert, und sei es nach 30 glücklichen jahren, dann erfährt es alle welt. erklärungen über partner_innenwechsel oder neuen singlestatus müssen gemacht werden, nachfragegewohnheiten werden gestört, und liebeskummer läßt sich schwer gänzlich geheimhalten.

wenn eine offene oder polybeziehung wackelt oder scheitert, dann scheint für die beobachtenden ganz klar zu sein, daß das problem in der art der beziehung besteht. scheitert eine monogame beziehung, dann lag es an kommunikationsproblemen, auseinanderleben, loyalitätsbrüchen, zweifeln an den gefühlen und tausend möglichen gründen mehr. geht eine polybeziehung auseinander, ist es nicht notwendig, nach gründen zu suchen. denn das konnte ja nicht klappen, es war nur eine frage der zeit, bis die bombe platzen mußte.

was heißt dabei eigentlich scheitern?

ist scheitern, wenn man sich bemüht, aber sich nach nem halben jahr über alles streitet und nicht mehr weitermachen mag? ist scheitern, wenn man aneinander vorbeilebt, die gegenseitigen bedürfnisse nicht mitbekommt und schließlich eben so auseinanderdriftet? und löscht scheitern, was auch immer es heißt, alles radikal aus, was vorher war?

einer, der heute seinen freund verläßt — hat er ihn nie geliebt?

haben diese zwei, die sieben jahre konfliktfrei und voller leidenschaft und spaß ihre zeit miteinander verbracht haben, in wirklichkeit all die jahre hindurch marode wurzeln künstlich überdeckt, weil sie im achten jahr beschließen, getrennte wege zu gehen?

von wegen.

die gegenwart prägt immer unsere vergangenheit; was zum erinnerungsarchiv addiert wird, formt das ganze archiv neu, und es kann einmal vorhanden nicht wieder gelöscht werden. natürlich ändert sich mein blick auf eine beziehung, wenn ich neue informationen über meine_n partner_in erhalte, die ich zuvor nicht hatte. so, wie nun manche 68er in retrospektive ihre taten in den 60ern neu bewerten mögen, da sie herausgefunden haben, daß benno ohnesorg nicht von einem rechten, sondern offenbar von einem stasiagenten getötet worden ist.

doch so viel sie nun neu interpretieren und um-denken: erinnerung ändert sich, erleben im moment bleibt. bewertungen einer bestimmten zeit werden nicht nichtig, auch wenn du heute eine andere entscheidung treffen würdest.

also funktionieren polybeziehungen natürlich. genauso, wie monobeziehungen funktionieren, oder eben nicht. mal so, mal so. dein nachbar führt mit recht hoher wahrscheinlichkeit keine funktionierende polybeziehung. die wahrscheinlichkeit, daß er eine nicht funktierende monobeziehung führt ist höher. (schätzungen. gleicht das an eurer wirklichkeit ab.)

beide (eigentlich mehrere) beziehungsformen halten meistens nicht so lange, wie alle beteiligten leben. im rückblick kannst du sie dann als gescheitert betrachten, denn sie existiert ja nicht mehr. ist das relevant?

ich finde es wichtiger, wie sich die liebe angefühlt hat, solang sie gelebt wurde, und wie sich die liebenden zueinander verhalten haben. daran würde ich funktionieren oder nicht funktionieren messen wollen, und nicht an unendlicher dauer.

————-

meine beziehung, auf die ich mich jahrelang habe stützen können, und die ich habe vorweisen können als die so ziemlich wunderbarste errungenschaft meines lebens, sie ist nicht nur die meine, und deshalb kann sie jetzt von beben erschüttert werden, denen sie vielleicht nicht standhalten wird. die poly-idee steht dabei mit anderen themen gemeinsam im mittelpunkt des konflikts. ich kann sie nicht auf eine rein weiße fahne malen und hier als unanzweifelbares non plus ultra verkaufen.

aber die poly-idee ist trotzdem eine, die zu mir gehört. ich bin nicht frau/herr „das gibts gar nicht“, „du funktionierst nicht“, „du bist nur eine konstruktion“.

diese böse, die nehmen will, was sie kriegen kann, das bin ich.

ich nehme meine zwei anderen beziehungen, deren wachsen und vielfältiger werden ich mit liebe und begeisterung beobachte, und in die ich gebe, was ich geben kann. es fühlt sich nicht so an, als rauben mir diese beziehungen kraft für die von erdbeben geschüttelte erste, im gegenteil.

daß nicht alle auf dem gleichen standpunkt stehen, daß nicht jede_r dasselbe für ihr/sein leben will, und menschen unterschiedlich denken, fühlen, wahrnehmen — das sind binsenweisheiten, und die sind am schwierigsten wirklich zu begreifen.

————

also, ich wollte ein blog (auch) über polyamory schreiben. es sieht ein bißchen anders aus, als ich es vor wenigen monaten hätte planen können, vielleicht ehrlicher, vielleicht auch einfach nur mit mehr erfahrungen drin.

ich kann nur dem jetzt die hand geben und schauen, was mir auf die tastatur fällt. es gibt noch immer viel zu teilen, und viel einfach aufzuschreiben, egal für wen.