Herumschnuppern an der Barriere

Ich lasse mich zu_r Expert_in im Erforschen von Barrieren ausbilden – ab und zu die anderer, im Moment insbesondere meine eigenen. Dafür bin ich durch meine langjährige Erfahrung im Zaunreiten vermutlich prädestiniert.

Gleich vertraut kam mir die Handlungsbarriere vor. Das ist meine, dachte_wusste ich. Meine Lieblings. Meine Herausforderin. Jetzt begegne ich ihr jeden Tag sehr bewusst, und ich lache nicht mehr über sie. Sie gruselt mich. Ich kämpfe um das Verstehen.

Ich glaube, dass die Handlungsbarriere (meine, und auch eine allgemeine, da ich so vielen Menschen begegne die sich auch an einer abmühen, die immer wieder sehr ähnlich aussieht) in einer Menge Kontexten steht, aber dass ich die auseinander puzzlen muss, um die Details besser sehen zu können. Zum Beispiel spielt dabei eine hochmoralische Antreiberinstanz eine Rolle, die irgendwo her kommt, geerbt von der Großelternkriegsgeneration vielleicht, und ein aktueller Diskurs über „sich engagieren“, bei dem das „Welt retten“ mitschwingt, undsoweiter. Meine Krux ist aber woanders, tiefer, versteckt unter Ebenen von nicht-gesehen-werden-wollen und eigentlich-schon-tot-sein-ehrlich-ich-bewege-mich-gar-nicht.

Es ist so: Ich sage mir, dass ich etwas tun will (um Unheil abzuwenden, zu helfen, für Prinzipien einzutreten, Entwicklungen, die ich nicht will, entgegenzutreten).

Dass ich etwas tun MUSS, s.o., wegen moralischer Verpflichtung.

Je deutlicher ich mir das selbst sage, desto heftiger ist die emotionale und körperliche Gegenreaktion, nämlich das Erstarren. Erstarren hört sich so unbewegt, also friedlich an, ist aber höchst gewaltsam. Es gehört nämlich auch dazu das Atmen einzustellen (oder so gut wie), nicht so gut wenn man gerne überleben möchte. Weil es ein Panikerstarren ist, fährt auch das Adrenalin sofort in die Höhe, das Herz klopft schneller, der Alarmzustand ist ausgelöst.

In der Panik kann man sich nicht gut aufhalten, sie macht einen auch nicht handlungsfähig, also ziehe ich mich meistens sehr schnell daraus wieder zurück. Das heißt aber auch, durch diese Mauer, vor der die Panik als Wächter steht, nie durchzukommen. Hinter der Mauer ist die Realität meines Schreckgespensts „Engagement“, und würde sie zumindest gerne mal anschauen und mit ihr mal konferieren wollen, um festzustellen, ob es wirklich gute Gründe gibt, sich von ihr abzuwenden, aber soweit komme ich gar nicht.

Da ich die Antreiberinstanz schon gut kenne, habe ich mich dem Teil von mir versucht zuzuwenden, der hier in Ängste gerät, aber der entschlüpft mir ganz geschickt und lässt sich nicht so exakt wahrnehmen. Was ich weiß ist, dass er_sie_es, sagen wir mal es, Angst hat allein zu stehen. Dazu gehört ein deutliches Bild von allein auf weiter Flur, ein Aufwall enormer Einsamkeit gepaart mit Verlustschmerz und Orientierungslosigkeit. Und dann die Selbstverständlichkeit, dass ich (es) mit dem, was ich allein angehe, überfordert sein werde (wird). Das ist nichtmal eine Erwartung, es ist eine Wahrheit.

Erfahrungsgemäß weiß ich natürlich, dass ich schon ziemlich oft Dinge gemacht habe, bei denen ich nicht gescheitert bin. Und dass ich extrem selten so überfordert war, dass ich kollabiert bin (der Kollaps ist nochmal ein eigenes Thema), ich glaube noch gar nicht? Auf der anderen Seite gibt es aber eben auch Herausforderungen, denen ich mich nicht stelle, oder nur kurz, um mich bald darauf wieder zurückzuziehen. Also stimmt es vielleicht auch, dass ich –

Wer spricht hier? Ich kann schwer an mir selbst vorbeidiskutieren. Alle Diskussionen zum Thema wurden in mir bereits geführt und führten nicht weiter.

Da die Selbstverständliche Überforderung meine neuste Entdeckung ist, kann ich weiter noch nicht viel sagen und weiß auch noch nicht, wohin das alles führen wird. Allerdings ist es gerade möglich, die Scham so weit hinter mir zu lassen, dass es funktioniert darüber (ein bisschen öffentlich) zu schreiben, und das ist in dieser Form neu.

Ich überlege, ob der Diskurs nicht vielleicht sogar ein paar vorsichtige, noch nicht fertig gedachte, leise, introspektive Stimmen brauchen kann?

– Wie vermessen!

– Gefährlich meinst du?

 

 

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