versteckspiel

so war das bisher auch: ich werde stiller und stiller an einem ort, und dann finde ich nicht mehr den neuen anfang, mich dort wieder hörbar zu machen. die leute wissen wer ich bin, also nicht noch mehr informationen hinlegen, so weit, so nachvollziehbar? vielleicht. aber anonym funktioniert nunmal nicht mehr lang mit trackern und inhalten, die auf orte und kontexte hinweisen? oder?

also es gab gute und schlechte und neutrale gründe, woanders hin zu gehen und es nochmal neu zu probieren, und ich weiß noch nicht, was überwiegt. mit neuem namen und neuer adresse, würde ich die posts schreiben die sonst nur in meinem kopf bleiben, oder würde das gar keinen unterschied machen?

ich habe ein neues blog woanders erstellt. als nächstes halte ich mich mit dem aussehen auf und suche nach header images, und ich denke moment, das habe ich doch schonmal woanders gemacht, und da habe ich es hinbekommen, dass es mir gefällt, also warum jetzt nochmal von vorn, keine lust! und als wen möchte ich mich neu erfinden? dieser neue name ist nicht neu, der ist immernoch nah dran und praktisch auf der gleichen linie. wie anonym geht es denn damit? ich sollte mich vielleicht lieber herr_frau anonym150308 nennen.

das ding mit der kontrolle über die eigenen daten scheint mir lange schon entglitten zu sein. wahrscheinlich weiß google ohnehin schon alles über mich und facebook den rest. wie geheim soll es denn werden? soll es überhaupt geheim werden? ich kriege nicht geordnet, wer was über mich wissen soll. bild nach außen schön machen, für potentielle arbeitgeber_innen. bild nach außen schön machen für zukünftige klient_innen. löwenmähne nach außen zeigen für persönlichen confidenceboost. meinungen sagen damit die meinung gesagt ist und für bild nach außen für löwinnenerscheinung und damit leute es lesen es ja nicht lesen. gesicht zeigen gesicht verstecken nur teilgesicht zeigen geschöntes gesicht zeigen icon zeigen gar nichts zeigen. nur wörter oder in verbindung mit bildern und wenn ja dann nur haare vorm gesicht und nur orte die nicht in der nähe sind, oder selfies und swarm-checkin-fotos? das ist kompliziert. finden andere das nicht kompliziert?

ich behaupte, dass ich über bestimmte dinge reden/ schreiben will, die mit meiner beruflichen und privaten realdingens-identität nicht verbunden werden sollten, aber wenn ich wirklich so dringend würde über diese dinge reden wollen, würde ich es dann nicht tun? das ist doch mittlerweile ein erfahrungswert, dass man sich – dass ich mir – alles ganz lange kompliziert reden kann, so lange bis der gedanke weg ist und der moment vorbei. wenn ich nicht einfach handle, mitten im gedanken egal was der gerade behauptet.

trotzdem ist „erscht denke, dann schwetze“ nicht immer ein schlechter ratschlag. mir spukt im kopf herum, wie gläsern ich wohl bin, und wie gläsern ich sein möchte. Gibsons Colin Laney könnte mich schon vollständig aus meinen spuren zusammenpuzzlen, hätte er vermutlich vor jahren schon gekonnt. wie laut oder leise ich bin ist mir dagegen nicht mehr so wichtig wie einst, vielleicht weil ich die lautstärke in meinem alltagsleben deutlich erhöht habe. weiter zu kämpfen habe ich auch noch mit der idee der professionellen identität. wieviel person sollte nach außen für alle von mir sichtbar sein? wieviel profil kann ich in meinem job zeigen ohne dass für meine klient_innen der raum verschwindet, den sie bei mir für sich selbst brauchen? die zweifel generieren eigenartige auswüchse. kann ich den antirassistischen aufkleber auf mein auto kleben, oder bedeutet das dass ich dann keine rassistischen klient_innen mehr beraten kann, wenn die das lesen? (i know.) meine unsicherheit wirkt sich auch aus auf meinen kleiderschrank, der verwirrt zwischen blazer und jeans und den resten eines individuellen irgendwas hin und her schwankt.

früher hätte ich gesagt, in einem beruf, in dem ich meine überzeugungen verstecken muss, möchte ich nicht arbeiten. aber das wäre am punkt vorbei konstatiert gewesen. es geht nicht wirklich ums verstecken, sondern darum die kontrolle darüber zu haben wann welche information an welche_n rezipient_in gelangt. wie ich das so schreibe denke ich, was malst du dir da eigentlich aus? das hört sich nicht an wie etwas, das sich kontrollieren lässt. wäre es nicht wichtiger, nur sachen zu sagen, hinter denen du stehen kannst, und dann auch wirklich dazu zu stehen, wenn jemand dich dazu anspricht?

aber warte. drastisches beispiel vielleicht, aber angenommen ich würde über bdsm schreiben (worüber ich dieser tage immer mal wieder nachdenke). sollen das die klient_innen lesen? der potentielle zukünftige arbeitgeber (vllt ein christlicher träger sozialer einrichtungen)?

früher dachte ich, ich würde einen höchst individualistischen lebenskünstler_innenweg einschlagen. der weg auf dem ich gerade bin ist ganz klar meiner, kein fremder. trotzdem beinhaltet er nicht diesen in-your-face-individualismus, den ich mir damals unter „eigener weg“ vorgestellt habe. ich bin keine künstlerin geworden, sondern ich arbeite mit menschen. bei dieser arbeit bin ich als person präsent, aber ich trete absichtlich in den hintergrund, weil ich anderen einen raum biete, sich weiter zu entwickeln. es geht um deren veränderungsprozesse, und während ich dabei viel lerne und emotional beteiligt bin, ist es dennoch notwendig, in der rolle der begleitung zu bleiben und nicht zur protagonistin zu werden. das ist nicht schwierig in der situation, aber in seinen weiteren auswirkungen für mich noch überhaupt nicht einzuschätzen.

wie machen das andere therapeut_innen, berater_innen, sozialarbeiter_innen, die netzaffin sind? euch muss es doch geben. ich sehe euch aber nicht. die homepages irgendwelcher älteren generationen, ja, aber sonst gucken mich die kolleg_innen (ex und aktuell) meistens schief an wenn ich einen online-begriff verwende, nicken und sagen, ja, deshalb bist du ja unser admin, ich hab davon keine ahnung. ich glaube, die meisten aus meinem metier bleiben den blogs und social networks entweder fern, haben nur einen professionellen internetauftritt oder werkeln unter funktionierenden pseudonymen. nur ich bin mal wieder irgendwo in den zwischenräumen und kann_will mich nicht auf eine linie eingrenzen, typisch. ohne experimente und fragen stellen kein rausfinden oder weiterkommen, though. also hier, irgendwas machen halt. eigentlich vielleicht auch egal wo. idk.

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Ein Gedanke zu “versteckspiel

  1. Oh I feel you!!!!
    Und du bist damit überhaupt nicht alleine. Ich finde das so sauspannend, grade hier Gedanken zu lesen, die ich mir die letzten Monate exakt so gemacht habe. Krass. Leider bin ich super verschnallt im Moment, aber ich würd super gern mal mit dir telefonieren/skypen whatever. Magst du? :) Kannst ja mal piepen.

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