Film geschaut und drüber gerantet

„No Strings Attached“ – sehr seltsamer Film. Da ist diese Frau, Emma, die ihre eigenen Vorstellungen darüber hat, wie sie leben will, auch in Bezug auf Sex und romantische Beziehungen, aber die Muster, die ihr zur Verfügung stehen, decken das, was sie sich wünscht, nicht ab, und alle in ihrem Umfeld passen sich widerstandslos in die Vorgaben ein. Vielleicht weiß sie auch nicht so genau, was sie will, aber irgendwas stört sie dem Modell Romantische Zweierbeziehung, etwas, das sie so abschreckt, daß sie sich nicht darauf einlassen will. Vor allem dem emotionalen Streß möchte sie sich nicht aussetzen! Schließlich arbeitet sie 80 Stunden die Woche und hat wahrlich anderes zu tun, als sich in Eifersuchtsdramen zu ergehen oder die Röschen im Valentinsstrauß zu zählen. Aber auch all diese automatisierten Erwartungen! Sex gehört zu Küssen gehört zu Liebe gehört zu Date. Date gehört zu Valentinstag gehört zu Heiraten gehört zu Gemeinsam Frühstücken. Das ist eine Kettenreaktion, derer man sich nicht erwehren kann.
Die einzelnen Elemente kann sie schon ertragen, doch der inhärente Zwang, den man mit einkauft… nun, sie ist kein Mensch, der sich gerne Zwängen ergeben möchte.

Bewußt gemacht hat sie sich allerdings dieses Unbehagen niemals. Dazu müßte sie in der Lage sein, ein Alternativmodell neben das bekannte Modell zu stellen. Emma macht es anders: sie lehnt einfach die Idee „Liebesbeziehung“ als Ganzes ab. Eine andere Variante kennt sie, das ist eben Friends with Benefits. Freundschaft ist natürlich ein von Beziehung gänzlich abgetrenntes Modell. Beide dürfen sich keineswegs überschneiden. Die Grenzen sind nicht fließend, sondern diese Sexfreundschaft ist ein Balancieren am Abgrund. Tritt man fehl, läßt man zu viele Puzzleteile vom Muster „Beziehung“ ins Muster „Sexfreundschaft“ hinein, so stürzt man ins das andere Muster hinab.

Die Geschichte verläuft ausnahmslos berechenbar in gewohnten Bahnen, sie ist eine Moralerzählung. Emma hat ihren eigenen Kopf. Jeder außer ihr weiß, daß es so nicht gehen kann. Am Ende lernt sie, daß alle anderen recht hatten. Sie ergibt sich ihrem Gefühl.
Wie wir das schon hatten: Liebe gehört zu Beziehung. Undsoweiter. Schicksal besiegelt, weil die Emotion nicht länger unterdrückt werden kann und stattdessen ins Muster eingeliedert werden muß.

Liebe, auf Seiten des Kerls, bedeutet dann wohl auch, erst den Liebeschwur abzulegen, um sich dann sogleich zu verpissen – ruf mich nicht an! – wenn man nicht direkt die Art von Beziehung erhält, die man haben möchte. Kompromisse gibt es nur auf Seiten der Frau, die immer Schritte auf ihn zu machen muß, während er einfach stehen bleibt. Klar, daß sie Zeit haben muß, mit ihm zu frühstücken. Klar, daß er nicht ihr zuliebe die Dates und Blumen einfach weglassen kann.

Dabei ist es mir als Zuschauerin keinen Moment einsichtig, warum diese kritische, gebildete, selbstbewußte Frauenfigur so entsetzlich Bausatz-hörig ist.
Es gibt nicht in Wirklichkeit diesen erdrückenden Automatismus, dem man erliegen muß, will man nicht einsam bleiben.
Jede lebendige Beziehung, egal welcher Art, muß sich an die beteiligten Personen, deren Wünsche und Lebensumstände anpassen, damit sie über längere Zeit bestehen kann. Dazu kann man die Bauteile verwenden, die einem gerade in den Kram passen; andere kann man später einsortieren oder gänzlich weglassen.

Emma und ihr Kerl sind glücklich, als sie ihre Fickfreundschaft ausleben; sie kommen ins Schleudern, sobald sie ihre emotionale Involviertheit erkennen. Nur: Emotionen gab es auch vorher schon. Es stand nur auf denen ein anderes Label. Mögen oder gut riechen können scheinen in ihrer Wirkung mit dem Messer am Hals „Liebe“ nichts zu tun zu haben. Warum kann die Liebe nicht auch als bereichernder Bestandteil in das wunderbar funktionierende System integriert werden? Und wenn das System nicht mehr paßt, verändert man es. Graduell, intuitiv. Achtsam.

Zugegebenermaßen bräuchte es dafür eine Sache, und das ist in der Tat die viel beschworene Kommunikation. Da müssen Wünsche ausgedrückt, Grenzen zur Sprache gebracht werden.

Wie die Erzählinstanz des Films dazu situiert ist, kann leicht an der Figur Lucy abgelesen werden. Als die mit der männlichen Hauptfigur anbandelt, verbalisiert sie alles, bis zur Frage, wer nun als erstes sein Hemd ausziehen soll. Sie soll contraintuitiv wirken, in Abgrenzung zu den sich ihren „wahren“ Gefühlen hingebenden Hauptfiguren, deren Sex stets fließend und ebenso automatisch wie die Beziehungsentwicklung abzulaufen scheint.
Brüche und Denkpause sind in dieser Romantik nicht erwünscht. Alles muß sich ergeben, nur dann gilt es als authentisch und damit wertvoll.

Und genau darin liegt der Fehlschluß, der das Finden einer tatsächlich befriedigenden Lösung für eine freiheitsliebende Figur (und Zuschauerin) unmöglich macht.

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