Meine sichere Distanz

Ich habe den großen Wunsch, Menschen in einer sicheren Distanz um mich zu haben. „Sicher“ meine ich hier nicht im Sinne von „weit genug weg, daß sie mir nichts anhaben können“. Ich meine etwas anderes.

Wenn ich neue Menschen kennenlerne oder alt“bekannten“ näher komme, erfaßt mich gerade in letzter Zeit oft ein Gefühl der Beklemmung. Etwas kommt mir da zu nah; etwas kommt ins Rollen, das sich zur Lawine auswachsen wird, wenn ich es nicht sofort stoppe. Vielleicht hatte ich diese Empfindungen schon früher. Sie mögen mich davon abgehalten haben, auf Leute weiter zuzugehen, für die ich mich an sich interessiert hätte, bei denen ich mir aber unsicher war, wie nah ich ihnen kommen will.

Nah kommen, was ist das? Es hat zu tun mit einem physischen Gefühl, das sehr unterschiedlich sein kann. Manchmal ist es ein dringender Ruf nach mehr Raum, ein Keine-Luft-mehr-kriegen. Ein Abdrücken meiner Bewegungsfreiheit: da steht jemand in meinem Weg, und ich komme an dem nicht vorbei.

Manchmal ist es beinah das Gegenteil: Ruhe, Entspannen. Sich geborgen fühlen. Unter die Haut des anderen krabbeln, ineinander aufgehen wollen. Diese Art von Nähe schneidet mir die Luft nicht ab, sie gibt mir nur eine größere Vielfalt von Gerüchen und Wind.

Wenn ich jemanden neu kennenlerne, der an mich heran zu wollen scheint, der etwas von mir will, dann stellt sich bei mir häufig schnell in Nervosität und Abwehr das erstere Nähe-Gefühl ein.  Warum?

Weil ich die Erfahrung gemacht habe und mache, daß Menschen entweder wie am Gummiband an mich heranschnellen und sich an mich kleben, so daß, z.B., eh ich es mir verseh ein Anstreben einer Liebesbeziehung aus ein paar Küssen geworden ist, die ich dann schnell stoppen muß, bevor sich mein Gegenüber zu sehr hineinsteigert, anfängt, von mir Zugeständnisse zu erwarten, die ich nicht geben will, und traumatisiert ist, wenn ich zu spät Nein sage.

Oder ich schütze mich und gehe meinem ersten Impuls folgend ein paar Schritte zurück. Ich sage: Ich möchte nicht, daß du Erwartungen an mich stellt, denn ich habe keine Lust, mich um deren Erfüllung zu bemühen. Ich will nicht mit dir ins Bett, weil es mich nicht ernsthaft dahin zieht. Und komplizierte Liebesbeziehungen brauche ich keine mehr derzeit, danke.

Und dann will ich noch sagen: Aber mir liegt an dir. Du bist schön und sprühst vor Leben. Ich glaube, daß wir einander die Welt bereichern können.

Dazu komme ich aber gar nicht, jedenfalls nicht, solange mein Gegenüber noch zuhört. Der-/diejenige ist schon woanders, denn ich habe ja einen Korb gegeben. Also geht gar nichts, wenn sie nicht direkt das bekommen können, was sie sich vorgestellt haben! Entweder verschwinden die Leute aus meinem Umkreis, oder sie bleiben ein anstrengender Kontakt, beim Treffen mit ihnen schwingt immer das mit, was sie sich eigentlich gewünscht hätten, daß passiert.

Aber ich habe ja gar keinen Korb gegeben. Sondern ich habe versucht, meine Körperwahrnehmung zu befragen und mit ihrer Hilfe herauszufinden, wo in dem Raum um mich herum es sich gut anfühlen würde, wenn diese Person da stünde. Für JETZT, keine Aussagen über später getroffen.

Was ich mir da wünsche, ist eine sichere Distanz in dem Sinn: Wenn ich dich aus meiner unmittelbarsten Nähe wegschicke, dann gehst du ganz. Was, wenn du dir einen anderen Platz bei mir, etwas weiter weg als angestrebt, suchen würdest? Dann müßtest du nicht gehen. Wir könnten sehen, was noch auf uns zu kommt. Ich könnte mich vielleicht langsam an meinen zu vielen Zweifeln un Sorgen entlangtasten und mich auf dich zu bewegen. Vielleicht entlastet es mich so, dich auf deinem festen Platz zu wissen, wo ich mich nicht mehr permanent anstrengen muß, um dich auf Distanz zu halten, daß mir die Distanz an sich weniger wichtig wird. Plätze im Raum sind nie unbeweglich, sie verschieben sich immer.

Ich glaube, das ist eine der Herausforderungen des Poly-Lebens, für mich. Wer monogam lebt oder in einer Primärbeziehung, der hat schon diesen definierten Innenraum, in den man nur rein kommt, wenn man eingeladen wird. Es ist klar, daß das meist seine Zeit braucht und mancher eben nie da landet. Niemand findet das schlimm, niemand fühlt sich betrogen – es ist eben so.

Und ich, offen poly, ich werde so verstanden: Erst aufheizen, dann sitzen lassen. Falsche Versprechungen machen.

Meine Interessens- und Zuneigungsbekundungen werden ständig mißverstanden, denn offensichtlich will ich ja mit jedem ins Bett und erst recht mit jedem eine Beziehung haben, ist ja klar! Wie, doch nicht? Mööööööp.

Beim HAKOMI-Workshop, den ich im Januar besucht habe, gab es diese Übung, die sicher viele kennen, bei der Person 1 steht und Person 2 auf sie zukommt. Person 1 bestimmt, wie nah 2 kommen soll. Im Workshop haben wir das ohne Worte gemacht und sind in die Beobachter_innenposition der Achtsamkeit gegangen.  Und ich hatte dieses unglaubliche Erlebnis, einfach sofort stop winken zu können, nach einem Schritt, und dann die Übungspartnerin noch ein weiteres Stück zurück zu bitten. Es war eine solche Befreiung, das tun zu können, und dafür nicht abgelehnt zu werden. So viel Raum war auf einmal da, nur für mich, um den ich mich nicht hatte bemühen müssen. Kein ewiger Kampf um meinen eigenen Platz, Zentimeter um Zentimeter unter schlechtem Gewissen den sich Annähernden abgetrotzt. Geschenkt gab es das, ich hatte da ein Recht drauf. Unbeschreiblich.

Fast genauso wohl fühlte ich mich umgekehrt, als die Übungspartnerin mich einfach zu sich in ihre Umarmung winkte. Ich habe nämlich kein Problem mit Nähe, ich liebe das. Ich sehne mich danach, daß Menschen mich in ihrer Nähe haben wollen. Ich kann auf sie zugehen.

Aber ich will entscheiden, gehe ich auf diese Person hier zu, wann, und wieviel. Ohne Angst haben zu müssen, daß jedes Nein mir das Gegenüber völlig entfremdet.

Sichere Distanz eben. Bis ich frei atmen kann trotz oder sogar im Genuß der Nähe. Das wäre schön.

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Dies ist vermutlich Teil 1 von mehreren zu diesem Thema. Mal sehen, ob ich die weiteren schreibe.

Wenn dies [1 – Selbstbestimmung] ist, dann gibt es noch [2 – Angst, wahrgenommen zu werden] und [3 – Hingabe]. Und [4 – Verantwortung] Weil alles natürlich extra kompliziert wird, wenn man es läßt.

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