es regt sich was, vielleicht ist es der herbst.

ich schreibe namen unter namen auf ein stück papier, wie ich es schon hundert mal gemacht habe. die papierstücke verschwinden jedes mal irgendwo, und jedes mal packt mich eines schönen tages wieder der drang, erneut die magischen buchstabenkombinationen unter- und übereinander zu malen und zu schauen, ob jemand dabei zum leben erwacht.
namen geben erweckt ja schon eine person. mit dem namen spätestens beginnt sie, ihre besonderheit zu entwickeln und sichert damit ihre existenz.
oder gab es die person bereits (und ich meine damit die figur, klar)? und ich habe sie nur gerufen? weil der wahre name ja den dämon unter meine kontrolle bringt? werden deshalb bestimmte figuren nie richtig lebendig, weil ich ihren namen nicht weiß und sie aus versehen ganz falsch benannt habe?
ich habe mir schon so viele figuren in meinem leben ausgedacht, dass ich ganz sicher auch wirklich viele schon wieder vergessen habe. warum bleiben manche ewig in erinnerung, auch wenn sie beinah keine geschichte bekommen haben?
also, ich rufe. klanglos, nur mit symbolen. ich liebkose die laute, wie sie ohne zunge in meinem kopf klingen. ich spreche sie nicht aus. ich schreibe sie selten auf, wo andere sie lesen können, obwohl ich mir wünsche, tief drinnen, dass sie zu sehen wären. aber damit entließe ich zuviel macht hier ins offene.
welche macht eigentlich? wenn sie lebendig sind, gehen sie dann nicht selbst wohin sie wollen? kann ich sie noch regieren? will ich sie regieren? irgendwas will ich mit ihnen jedenfalls tun, was sie greifbar macht, und was sie mir dauerhaft erhält. es genügt mir nicht, ihren namen auf meinen lippen zu spüren. irgendwohin will ich sie führen.

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achievement unlocked: get a real job

Ich weiß auch nicht mit der Zeit, sie rennt und sie zieht sich, und ich weiß nicht genau, ob ich eigentlich an der Hand mitgezerrt werde von ihr oder auf einer Achterbahn fahre, für die ich selbst das Ticket käuflich erworben habe. Es fehlt mir an Luft (faktisch), aber nicht an Luft (symbolisch). Es fehlt mir an Erde auf allen Bedeutungsebenen. Vielleicht sollte ich glücklich sein: so schön auf dem Weg zum Ziel eingerastet zu haben, endlich! So schön Geld zu haben um schöne Dinge kaufen zu können, theoretisch sogar Reisen und Bewegungsfreiheit in Form von Benzin. So schön Herausforderungen bestehen zu dürfen mit immerhin einer gewissen Chance, durch das Bestehen tatsächlich irgendwo weiter zu kommen und irgendwie dann toller oder zumindest weniger kaputt als vorher zu sein.

Stattdessen: bin ich ein Teenager, der zu viel zu schnell haben will, aber seine Möglichkeiten gar nicht ausnutzt. Und ich wollte zwar nicht alt werden im Sinne von einrosten, aber ich wollte mir auch nie zugestehen jung zu sein im Sinne von „noch nicht so recht irgendwas können oder ein Richtung haben“, und vor allem noch keine Errungenschaften. Achievements ist noch das bessere Wort, weil es auch diese Badges bezeichnet, die ich im Computerspiel bekommen kann, guck mal, ich habe das wirklich gespielt, und diesen Gegner da habe ich auch erledigt, Beweis hier.

Die Erwachsenenwelt ist nichts für mich. Ich bin nicht effizient genug nicht schnell genug nicht eingemauert genug und überhaupt nicht genug an Leistung interessiert, oder an Fokus auf eine Sache, oder auf zwei halt, Arbeit und Familie mit Haus und Hunden meinetwegen. Ich bin diffus. Ich will „take my stand“, wie sagt man das, mich behaupten, auf einem Standpunkt stehen und den vertreten, nur ist mir das alles dann doch wieder wurscht, was ich da vertreten könnte, weil ich es nicht in der richtigen Umgebung täte, wen interessiert es ob die politische Aufmerksamkeit der Kolleg*innen zwei Zentimeter irgendwo anders hin gewandert ist. Bin ich auch einem Grund diffus, außer dem, dass ich vermeiden will mit meiner Substanz in Konfrontation gehen zu müssen? Ist Nebligkeit zwangsläufig auf dem Weg zum Ziel gegen Festigkeit einzutauschen, damit angekommen werden kann? Nee, ich weiß auch nicht, was das für ein Ziel sein soll, jedenfalls kein s.m.a.r.t. es.

Mir ist kalt, ich habe nicht genug Zeit für Sommer, ich muss arbeiten. How did I even get here. Wohin gehe ich wieder fort?

2010

Hat wohl doch nicht so geklappt mit der Geräuschwoche, aber macht nichts, dann mach ich es wann anders. Über sowas möchte ich mich nicht mehr aufregen.

Ich denke gerade, ob ich nicht auch mal einen Jahresrückblick machen möchte. Die letzten Jahre kam mir das bei anderen immer eher seltsam vor, aber ich erinnere mich nicht mehr, wieso. In der Mitte dieses Jahres wollte ich geordnet zurückblicken und wurde zu traurig dabei, um es durchzuziehen. Doch die ganz traurigen Dinge, die mir jetzt noch nachgehen, liegen in 2009. 2010 habe ich mich zwar zeitweise schrecklich schlecht gefühlt, aber jetzt aus der Distanz bin ich über die Leiden des Jahresanfangs gut hinweg gekommen, im Gegensatz zu denen des vergangenen Jahrs.

Silvester verbrachte ich noch in Leipzig mit Fay und mit M, die mich kaum ansah. Ich wanderte mit Abschiedsschmerz und Bedauern im Bauch am Haus des Exfreunds vorbei, meine Kisten waren verpackt und untergestellt, der kleine Transporter stand bereit. Neujahr fuhren wir gen Mannheim, in die Zwischenmiete-WG.

Januar begann mit offenem Blick und mit allen Möglichkeiten, ohne feste Wohnung, ohne Job, ohne viel mentalen Ballast, aber mit lieben Menschen und ausreichend Unterstützung in der Nähe. Außerdem liebte ich diese WG, die riesige Küche mit himmelblauer Decke und dunklem Dielenboden, vertraut scheinender Geruch gleich beim in den Flur kommen, ein Bett,  in dem ich keine Nackenschmerzen bekam, jede Menge Platz und angenehme Mitbewohner auch noch.

Entgegen aller Erwartungen wurde es eine ganz harte Zeit, Januar bis April, weil mir jemand ganz überraschend den Rücken zukehrte und der (noch gar nicht so) alte Schmerz von 2009 zusammen mit dem neuen als Tsunami über mir zusammenschlug. Die Arbeitsagentur drohte mir mit „Sie müssen jeden Job annehmen“, und ich verfiel in Panik bei dem Gedanken, die Stadt wegen eines Jobs gleich wieder verlassen zu müssen und dann wirklich in die Fremde zu gehen, wo mir niemand in dieser Krise den Rücken stärken würde. Das erste Mal dachte ich, ich komme damit allein nicht mehr richtig zurecht, und ich suchte nach Hilfe.

Januar, Februar, März verschwimmen, ich denke an das gute Gefühl der nach wie vor offen stehenden Möglichkeiten, den Schnee auf den Straßen, Freund_innen, Familie. Daß der Rhein mir jedes Mal weitergeholfen hat, wenn ich nicht mehr konnte. Lange Chats mit A. Und die unhaltbare Trauer an allen Ecken, Häutung, juckende Haut, Rose Kemp mit Kopfhörern hören und sich entsetzlich einsam fühlen. Keine Lösung parat haben. Endlich der Kollaps all dessen, was schon im Jahr zuvor eigentlich nicht mehr gestanden hat und nur noch duch Fassaden Substanz vorgaukelte.

Endlich rettend der April – denn da fuhr ich nach Leipzig zum Disillusion-Konzert. Jetzt fühlte ich mich dort, von wo ich so lange weg gewollte hatte, ganz zuhaus. Nach dem Konzert wanderte ich zu Fuß bis zu Fays Wohnung, durch die vertraut anmutenden Straßen, mein Kopf sang „Alone I stand in fires“ – daheim updatete ich meinen Facebook-Status mit „awoke from sorrow’s sleep“.

Kurz darauf begann ich meine Arbeit im ersten richtigen Job und war mit einem Mal zu abgelenkt, um zermürbende Gedankenkarusselle in meinem Kopf drehen zu lassen. Ich lernte, wie gut es tun kann, keine Zeit zum Überlegen haben zu können, sondern einfach reagieren zu müssen, jetzt, hier. An diesen Punkt kommt man schwer über Erkenntnis, man muß das üben und/ oder dazu gezwungen sein.

Meine noch immer bestehende Offenheit wurde nicht mehr permanent von komplizierten Überlegungen geblockt. Ende April reiste ich mit ihr im Gepäck gutgelaunt zur Beltaine-Feier, um danach monatelang einen Großteil meiner Zeit auf rosa Wölkchen zu verbringen. (Im Mai habe ich, soweit ich mich erinnere, kaum etwas gemacht außer mich zu freuen.) Am Tag nach der Feier schaute ich mir eine WG an, immernoch in bester Stimmung. Es klickte. Anfang Juni zog ich ein.

Mitte des Jahres habe ich angefangen, einen Kalender zu führen, was ich seit Jahren nicht getan habe. Das Juli-Blatt ist komplett mit möglichen Terminen gefüllt. Das war so beruhigend, in diesen Kalender zu schauen und deutlich den Beweis zu sehen, daß ich „ein Leben habe“, daß ich Unternehmungen in Angriff nehme, die ich schon lange, lange mal machen wollte. Daß keine Zeit war, traurig zu sein oder die Verwirrung über all die veränderten Maßstäbe und die verlorenen Zukunfsvorstellungen die Überhand gewinnen zu lassen. Der Sommer war eine Enklave der Aktion. Die Blase würde irgendwann platzen, doch bis dahin würde ich Schwerter schwingen und tanzen bis zur Erschöpfung.

„And still I’m hoping fall would never come.

But it came.“

Es war früher August, als die Blase platzte. Die beiseite geschobene Desorientierung kam wieder an die Oberfläche, der Schmerz, von dem ich meinte, er müssen längst aufgehört haben. Es erwischte mich die volle Ladung der Erkenntnis von Neuem, daß ich dabei war, mein Leben aus Ruinen wieder aufzubauen, und ich überfordert war, weil mir gänzlich die Werkzeuge fehlten. Meine über Jahre eingeübten Handlungsmuster standen mir nun mehr im Weg als daß sie mir helfen konnten, diese Herausforderung zu bewältigen: Freiheit. Zuviel Freiheit.

Zum ersten Mal konnte ich mir vorstellen, warum die existenzialistische Leere etwas Bedrohliches sein sollte. Zuviel Verantwortung, und die große Furcht, ihrer nicht Meisterin werden zu können.

In dieser Zeit bin ich mir selber unendlich auf die Nerven gegangen. Es ist schrecklich ermüdend, so nah am Wasser gebaut zu sein und durch alles und jeden am laufenden Band getriggert zu werden. Ich hätte mich am liebsten gegen ein funktionierendes Ersatzexemplar ausgetauscht. Fortwährend war ich mit dem Konstruieren von Problemen beschäftigt; dabei konnte ich mich genau beobachten und mir erklären, was ich da machte. Es war mir ganz klar, daß ich selbst diese Schwierigkeiten bastelte, aber auf der mich am stärksten steuernden Ebene halt dann doch nicht. Die glaubte: das ist alles wahr. Sie glaubte: Niemand will dich, du hast keinen Ort, du bist nichts, du weißt und kannst nichts. Das sind überzeugende Glaubenssätze, dagegen kommt die Vernunftstimme nicht an.

Ich weiß nicht, wie lange das so gehalten hat, aber irgendwann war es besser. Tatsächlich habe ich es geschafft, meine Aufmerksamkeit auf mich selbst und das Jetzt zu fokussieren, anstatt immer nur in die Ferne zu starren, das half.

Samhain schaute ich recht zufrieden auf mein Jahr zurück. In allem, was mir in dieser Zeit weh getan hat, und obwohl ich ein paar der miesesten Monate meines Lebens verbracht habe, habe ich während all der Zeit genau gespürt, daß der Weg stimmt, auf dem ich bin, weil ich mich irgendwie mir selbst mehr annähere. Und mich bewege, anstatt stillzustehen und zu jammern.

Oktober und November arbeitete ich Vollzeit, sie rannen vorbei.

Jetzt Dezember, der Winter war kurz bisher.

Ich bin auf der Erde angekommen, zumindest mehr als vorher. Ich bin konkreter geworden. Ich habe meine Handlungsfähigkeit ausprobiert, ein wenig, da wird noch viel mehr kommen. Ich habe mir einen Haufen Magie in den Körper gezaubert, mit der ich jetzt etwas machen kann.

Die Welt ist voller offener Türen. (Immernoch.)

Und ein bißchen ein Fundament habe ich. Das schadet auch nicht.

Reboot?

Es ist gerade recht schwierig, den Überblick zu behalten. Alles, was über den Moment hinausgeht, entschlüpft mir, oder es rollt sich hinter der Stirn zu Wirbeln zusammen, die ich nicht mehr entwirren kann. Die Momente sind nur dann einfacher, wenn zum Denken gar keine Zeit bleibt, und/ oder wenn es nur um professionelles Handeln geht, um nichts, was mit mir selber direkt zu tun hat.

Dies ist dann wohl eine Umstellungsphase, so wie wenn die Software zum Betreiben einer Website auf einmal nicht mehr den veränderten Anforderungen entspricht und eine neue gefunden werden muß. Nur, daß eine Website eben gar nicht mehr läuft, wenn sie keine Software hat, Wartungsmodus oder so, und ich weiterlaufe auf einem Stückwerk von Programmierungsfetzen, und den Überlegungen darüber, wie die Zukunft aussehen könnte.

Viele Jahre lang habe ich konzentriert und kontinuierlich in allen Lebenslagen am Optimieren meiner Methoden gearbeitet. Eine Handhabe entworfen, wie ich mit Problemen umgehe, besonders mit zwischenmenschlichen und psychischen. Als die Methode irgendwann implementiert war, lief sie beinah fehlerlos, sie konnte auf 90% der sich ergebenden Probleme erfolgreich und ohne großen Aufwand angewandt werden. Die restlichen zehn Prozent umging ich einfach, doch mit einer so hohen Erfolgsquote im Problemlösen zu operieren brachte mich dazu, meinen Techniken großes Vertrauen entgegenzubringen. Sie wurden zum Modus Operandi. Ich arbeitete weiter an ihrer Perfektionierung. Ich arbeite schließlich immer an irgendetwas.

Nun bin ich an einem Punkt angekommen – der bahnte sich seit anderthalb Jahren ungefähr an – da ich realisiere, daß meine alten Handlungsmuster zu greifen aufgehört haben. Es ist nicht nur, daß sie den aktuellen Problemen nicht angepaßt wären, sondern vielmehr, daß sie zu mir selbst nicht mehr richtig passen.

Meine Techniken spielen sich beinah ausschließlich auf der Metaebene ab. (Jemand sagte mal, die Metaebene, auf der ich wohne, habe mehrere Stockwerke.) Sie involvieren eine Menge (Selbst-)Reflexion, Mitteillung, Erklärung, Analyse. Wenn mir zum Beispiel einmal die Stimme ausrutschen und ich jemanden anpflaumen würde, dann würde ich sofort einen Schritt zurück machen, um mich zu entschuldigen und dem Gegenüber zu erläutern, was mich dahin gebracht hat, und inwieweit mein Verhalten überhaupt mit ihm/ihr konkret zu tun hat (meistens nicht so viel). FreundInnen haben mir bestätigt, daß dies sehr entlastend sein kann, da man immer weiß, woran man bei mir ist, und ich ganz gut meine eigenen Issues von den Interaktionen trennen kann.

Ich mache das alles noch immer, es ist mir längst in Fleisch und Blut übergegangen, doch ich fühle nicht mehr den befreienden Effekt, den es auf mich und die Beziehungen hat. Ich rede und rede, doch die Rede ist eine leere Oberfläche, sie greift die Basis in mir überhaupt nicht an. Ich rede und rede, dabei habe ich oft überhaupt keine Lust mich zu erklären mehr. Es ist mir im Bauch ganz egal, ob die meine inneren Abläufe verstehen können, ob ich mich quasi rechtfertigen kann, ob ich mich ganz korrekt und ganz unverletzend verhalte und niemandem je auf die Füße trete oder unfair behandle.

Im Kopf ist mir das nicht egal. Aber der Rest von mir sagt, Scheiß doch drauf. Sollen die doch selber denken. Ich will nichts mehr vorkäuen. Ich will nicht mehr die ganze Verantwortung tragen. Ich will Fehler machen können, ohne über jeden Fitzelkram gleich einen psychologischen Vortrag halten zu müssen. Natürlich möchte ich noch immer mit meinen FreundInnen teilen, was in mir vorgeht, und zuweilen macht es mir auch immernoch Spaß, an mir herumzuanalysieren. Doch das Zentrum ist etwas anderes. Etwas direkteres. Die Denkerei steht dem tatsächlichen Kontakt eher im Weg. (?)

Die neue Methode, die ich nun erlernen müßte, kenne ich noch nicht. Einzelne Puzzleteilen schweben ein ums andere Mal an mir vorbei, manchmal klickt etwas, ohne daß ich genau weiß, warum eigentlich. Die meiste Zeit allerdings bin ich überfordert, weil meine Probleme so komplex sind wie eh und je, nur vielfältiger, neuer, unerprobter – und die Ordnungssysteme versagen. Dann trete ich auf die Bremsen und versuche, still zu sein. Wenn ich nicht auf die Metaebene ausweichen kann, werde ich unkontrolliert. Meine Gefühle, meine Impulse rennen mit mir davon. Ich bin nicht immer mit den Wegen einverstanden, die sie gehen, und dann ganz ohne Erklärung für mein Verhalten dazustehen, das erschreckt mich zutode, wie geht das?

Ich weiß ja immernoch, warum ich dies oder jenes tue, ja, und auch nicht: ich mache mir einen Spiegel und bräuchte doch hundert, um mich auch nur im Entferntesten darstellen (oder wahrnehmen) zu können. Ich denke aus Gewohnheit, ach ja, ich bin doch soundso. Und dann denke ich, aber will ich so sein, kann ich anders? Und was soll das, Bilder von sich selbst aufzustellen, die doch nie stimmen können, dabei aber Mauern um meine Möglichkeiten bauen!

Es bleibt mir kein Raum in meinem Zentrum für die Probleme anderer Menschen. Nicht, wenn ich nicht zuerst ganz genau klarstelle, daß ganz in der Mitte ich bin, und alles andere zwar auch mittig stehen, doch mich selber nie übertrumpfen kann.

Vor allem nicht mit mir verschmelzen kann.

Warum will ich gleichzeitig doch so sehr verbunden sein, während ich mich abgrenzen will? Ich kann und will keine Schlußstriche setzen und keine undurchdringlichen Mauern bauen: das bin ich nicht, und das will ich auch nicht sein. Vernetzt bleiben und Ego-zentrisch, das ist es vielleicht, nur habe ich dafür kein Muster, und kein Muster um das Muster zu entwerfen, und, ja, meine Impulse rennen mit mir davon, nichtwahr, mein Kopf hat das Kontrollzentrum geschlossen. Und wo ist das jetzt?

zum neckar, but not today

für den moment ist meine entspanntheit wieder den bach runter. welchen, frage ich mich. hier gibt es ja nur flüsse. sie mag aktiver als ich gewesen sein und hat den weg hinunter zum neckar gemacht. dort liegt sie jetzt in der sonne, wie es ihr eben entspricht.

den mittag habe ich verbracht damit, mir meine wand als leinwand zu eigen zu machen. ein traum, den ich seit längerem mit mir herumtrage, eine ganze große wand zum bemalen zu haben. genau so toll, wie man denkt, ist es auch wirklich, wenn du in alle richtungen den pinsel bewegen kannst und niemand das produkt aburteilen kann. ich kann dann kaum aufhören. irgendwann muß aber ein punkt sein, so wie ein gedicht eine letzte zeile haben muß. selbst wenn es ein work in progress ist, muß es einen passenden pausenpunkt geben, an dem ich wenigstens temporär den farbeimer verschließen und die folie zusammenknüllen kann.

ich war noch so in der bewegung eingeschlossen, also putzte ich als nächstes. dann planleere und gesellschaftsleere, oder auch nichts zu tun und alleine.

bevor ich zu arbeiten angefangen habe, habe ich als student_in und arbeitslose sehr viel unstrukturierte zeit gehabt. diese habe ich meistens zum prokrastinieren genutzt. die daraus erworbene gewohnheit ist das nagen im hinterkopf, daß mich erinnert, daß es immer etwas zu tun gibt. es gibt immer die aufgabe, ein besserer mensch zu sein. je nach situation kann sie sich aufspalten in unteraufgaben. im aktuellen fall geht es um die basisaufgabe „ein besserer mensch sein“ und ein bißchen um die subaufgabe „eine perfekte mitbewohnerin sein“.

die „ein besserer mensch sein“-aufgabe trägt mit sich in der hosentasche einen katalog herum, den sie mir immer dann vorlegt, wenn ich sonst gerade nichts zu tun habe, das meine gedanken beschäftigt. der katalog ist gefüllt mit anforderungen, welche man erfüllen muß, um gut zu sein. für jeden menschen scheint der katalog völlig unterschiedlich auszusehen, denn die anforderungen sind teilweise so spezifisch und auf die persönliche situation bezogen, daß sie für mich maßgeschneidert worden sein müssen.

im moment steht ein „to do“ ganz oben auf der liste: zum neckar gehen.

ich habe nicht die leisteste ahnung, was „zum neckar gehen“ mit der güte meines menschseins zu tun hat. aber es steht da, deutlich lesbar.

nun könnte ich das dilemma lösen, indem ich einfach aufstehe und zum neckar gehe, was nicht besonders schwierig oder anstrengend wäre. aber irgendwie pißt es mich an, daß ich damit diese dämliche aufgabe erfüllen würde. klar, es ist sicher sehr schön am neckar, und habe auch fest vor, in den nächsten tagen mich dorthin zu begeben. aber nicht, weil ein nutzloser moralischer streßimpuls mir auf der schulter sitzt und mich dorthin schubst.

ein teil von mir kriegt jetzt heftig angst und merkt an: aber daß du immer rumsitzt anstatt etwas aktives zu machen, ist der grund, daß du jahrelang unzufrieden mit dir und deinem leben warst! und dieses ich will aber selber entscheiden!, das war genau in diesen jahren auch der grund, warum du nicht einfach per modus operandi die aktive variante gewählt hast!

das ist ein sehr vertrauter gedankengang, der sich automatisch einschaltet. daraus, wie automatisiert er schon ist, kann ich schließen, daß er mich schon eine weile begleiten muß, also auch zu der zeit, von der die rede ist. nun. hat mir dieser gedankengang zu jener zeit geholfen, mich wohler zu fühlen? nicht im mindesten. er hat mir lediglich ein schlechtes gewissen gemacht, mich aber keineswegs aktiviert.

war ich nicht schon woanders…

ach ja.

der weg dazu, tiefer im leben drin zu sein, ist nicht zwangsläufig, es besonders angestrengt zu versuchen.

oh. der himmel ist zugezogen. wind kommt auf. es fühlt sich nach regen an.

das spinnennetz:

samhain 2009, ein zimmer im dunkeln, ein bau in dem netze gesponnen werden. wir drehen uns hin und her, runter und rauf, gegeneinander und von einander weg.

ich und das netz: verbindung nach außen, die mich aber nie gefangen hält, außer ich will es so; ich nehme es in die hände, gehe daran entlang, lasse es nicht los. ich ziehe es über die körper der anderen, um meinen, ich schlüpfe darunter hindurch und steige darüber hinweg tiefer nach innen. das ist ein tanz der verbindungen und des lösens. wenn ich spüre wie entfernt ich bin, muß ich mich dem nicht ausliefern. ich kann das netz wieder durch meine finger gleiten lassen und es um meine hüfte legen, ich kann mich kopfvor in das getümmel in der mitte stürzen, aufgefangen werden, eingefangen werden.

ich bin eine großartige knotenlöserin und komme immer wieder frei. mein atem will mir versagen und mir einreden, daß ich nun außen stehen muß für den rest des tanzes aber

ich kann mich kopfvor in das getümmel in der mitte stürzen

niemand schiebt mich beiseite, der tanz führt diesen schritt nicht, ich kann mich bewegen und dann ist alles möglich.

reloading zülpich, 1

meine alten geschwister: neid & lähmung

reiten im kreuz mit

krallen sich im nacken fest huckepack ihr könnt

mehr als ich sehn

und ich denke: aber da war doch die höhle hinter den weinbergen, die bucht mit den palmen die ich unmöglich in mir tragen konnte, hätte ich geglaubt, aber da war sie, und deva würde herzlich und schallend lachen, in der grotte widerhall, sie würde mich anschauen als erwarte ich wieder von ihr zeichen in den sand zu malen.

ich will so geerdet sein, daß mich das alles nicht anficht. von mir aus das huhn das im sand die körner pickt, wenn ich auf ratschläge warte, der orakelstein der alles und nichts ankündigt, bis auf das eine das wahr ist: katze auf dem warmen stein sonnt sich, im gesicht ein schelmisches grinsen.

aber vorher glaube ich steht das rennen. meine haut hat im januar zu kribbeln begonnen und tut es noch immer, etwas ist nicht geknackt, etwas trocknet aus und nicht genug schweiß und wasser fließen über mein kreuz wo der neid hockt und nicht genug flüssigkeit überhaupt in meinen adern, die sonne von innen und außen — was wundert es mich, wenn ich trocken werde und meine haut abgeht, mit dem salamander und allem, geh doch dem einfach mal nach und schau was passiert, anstatt bilder über bilder zu projizieren wo keine leinwand steht. ok.