idek

Das war doch mal so, dass die Anspannung sich gelöst hat, wenn man ein bisschen was aufgeschrieben hat, nicht?

Es ist dunkel und nass draußen, der Samstag schleppt sich träge an meinem Fenster vorbei. In Gedanken bin ich schon montags, obwohl noch so viel Zeit wäre, die ich mit mir und meinen Maßstäben verbringen könnte, bis ich wieder dahin gehe wo ich mein Urteil unter zwei Lagen Chaos an der Oberfläche meines Gedächtnissumpfs vergrabe. Wie es wohl wäre, mein Urteil als Flagge vor mir her zu tragen? Zweifel ist eine schwierige Fähigkeit. In Lost Girl ist das Tamsins Kraft als Walküre, Zweifel in den Köpfen ihrer Feinde zu sähen, und sie ist auch selbst empfänglich dafür, was ihr ermöglicht, ihre Meinung zu ändern und die Basis dafür ist, dass sie tatsächlich Position beziehen kann im Widerspruch zu dem, was von ihr erwartet wird. Das kommt mir jetzt ein bisschen komisch vor. Zweifel als Basis für Position/ Überzeugung? Naja, für eine überlegte jedenfalls. Irgendeine Position kannst du gut auch so haben, ohne je daran zweifeln zu müssen.

Vielleicht hänge ich deshalb so an den ein, zwei tatsächlichen Überzeugungen (politischer Art), die ich in meinem Leben angesammelt habe – weil es mir so schwer fällt zu ihnen zu gelangen und ich dann diesen winzigen Anteil errungener Sicherheit nicht wieder aus der Hand geben will. Und gibt mir jemand gute Gegenargumente, fühle ich mich sehr sehr dumm und hilflos; mir schwimmt meine Substanz weg. Wer ist jemand der keine festen Überzeugungen halten kann?

Nach der Diskussion lese ich dann die Bruchstücke meiner Meinung auf und setze sie wieder zusammen, vielleicht mir neuen, stärkenden Teilen dazu. Das ist nicht das Problem. Aber in dem Moment, wenn ich auf Kritik stoße, hinterfrage ich sofort alles, was ich zuvor geglaubt habe, da braucht es gar keine Walküre, die ihre Kraft anwendet. Als hätte ich keine Handhabe, die Welt zu beurteilen. Als gäbe es doch Wahrheit, die sich darin zeigt, dass jemand sie besonders selbstbewusst in besonders stabilen Worten präsentiert.

„Tu nicht X, das ist unangemessen.“ Unprofessionell. Das Urteilswort deiner Wahl. „Natürlich kannst du auch anderer Meinung sein, bist du anderer Meinung?“ Meine Gedanken sind Mus. Ich erinnere mich an kein Wissen, keine Begründungen. Ich bin eine mushirnige, vor Wut zitternde –

Und doch würde ich nicht tauschen wollen. Mit genug Zeit und Ruhe zum Nachdenken komme ich darauf, dass ich zum Beispiel eine Meinung habe über: Urteilen. Nämlich dass ich nicht finde, dass es eine gute Eigenschaft ist, über jede Person und jeden Sachverhalt sofort ein Urteil parat zu haben. Und dass es mich grenzenlos irritiert, wenn jemand meint die Wahrheit gepachtet zu haben – das spricht nicht für Differenzierungsfähigkeit, und auch nicht für besonders umfangreiche Empathie. Aber hier beißt sich natürlich die Katze wieder in den Schwanz. Wenn ich es gerade auch mache, wie kann ich mir dann anmaßen es bei anderen doof zu finden?

Guck, da passiert es wieder. Keine klare Linie lässt sich aufrechterhalten. Ich weiß nicht, ob mein Gedächtnis sich wirklich in Matsch auflöst oder ich nur wieder der Konfrontation ausweiche, indem ich mich durchlässig und substanzlos gestalte. You can’t catch me, I’m not even here.

Gestaltungsmöglichkeiten zu erobern aber erfordert physische Existenz, die im Jetzt verankert ist. Klar kann man ewig ausweichen, nur berührt man dann auch nichts und schiebt nichts in eine bestimmte Richtung. Schlecht für jemanden, der schon immer gern Einfluss ausüben wollte. Wenn nur Veränderungen nicht so mühsam und kontinuierlich wären, wenn man nur einmal springen müsste, das wäre schön.