versteckspiel

so war das bisher auch: ich werde stiller und stiller an einem ort, und dann finde ich nicht mehr den neuen anfang, mich dort wieder hörbar zu machen. die leute wissen wer ich bin, also nicht noch mehr informationen hinlegen, so weit, so nachvollziehbar? vielleicht. aber anonym funktioniert nunmal nicht mehr lang mit trackern und inhalten, die auf orte und kontexte hinweisen? oder?

also es gab gute und schlechte und neutrale gründe, woanders hin zu gehen und es nochmal neu zu probieren, und ich weiß noch nicht, was überwiegt. mit neuem namen und neuer adresse, würde ich die posts schreiben die sonst nur in meinem kopf bleiben, oder würde das gar keinen unterschied machen?

ich habe ein neues blog woanders erstellt. als nächstes halte ich mich mit dem aussehen auf und suche nach header images, und ich denke moment, das habe ich doch schonmal woanders gemacht, und da habe ich es hinbekommen, dass es mir gefällt, also warum jetzt nochmal von vorn, keine lust! und als wen möchte ich mich neu erfinden? dieser neue name ist nicht neu, der ist immernoch nah dran und praktisch auf der gleichen linie. wie anonym geht es denn damit? ich sollte mich vielleicht lieber herr_frau anonym150308 nennen.

das ding mit der kontrolle über die eigenen daten scheint mir lange schon entglitten zu sein. wahrscheinlich weiß google ohnehin schon alles über mich und facebook den rest. wie geheim soll es denn werden? soll es überhaupt geheim werden? ich kriege nicht geordnet, wer was über mich wissen soll. bild nach außen schön machen, für potentielle arbeitgeber_innen. bild nach außen schön machen für zukünftige klient_innen. löwenmähne nach außen zeigen für persönlichen confidenceboost. meinungen sagen damit die meinung gesagt ist und für bild nach außen für löwinnenerscheinung und damit leute es lesen es ja nicht lesen. gesicht zeigen gesicht verstecken nur teilgesicht zeigen geschöntes gesicht zeigen icon zeigen gar nichts zeigen. nur wörter oder in verbindung mit bildern und wenn ja dann nur haare vorm gesicht und nur orte die nicht in der nähe sind, oder selfies und swarm-checkin-fotos? das ist kompliziert. finden andere das nicht kompliziert?

ich behaupte, dass ich über bestimmte dinge reden/ schreiben will, die mit meiner beruflichen und privaten realdingens-identität nicht verbunden werden sollten, aber wenn ich wirklich so dringend würde über diese dinge reden wollen, würde ich es dann nicht tun? das ist doch mittlerweile ein erfahrungswert, dass man sich – dass ich mir – alles ganz lange kompliziert reden kann, so lange bis der gedanke weg ist und der moment vorbei. wenn ich nicht einfach handle, mitten im gedanken egal was der gerade behauptet.

trotzdem ist „erscht denke, dann schwetze“ nicht immer ein schlechter ratschlag. mir spukt im kopf herum, wie gläsern ich wohl bin, und wie gläsern ich sein möchte. Gibsons Colin Laney könnte mich schon vollständig aus meinen spuren zusammenpuzzlen, hätte er vermutlich vor jahren schon gekonnt. wie laut oder leise ich bin ist mir dagegen nicht mehr so wichtig wie einst, vielleicht weil ich die lautstärke in meinem alltagsleben deutlich erhöht habe. weiter zu kämpfen habe ich auch noch mit der idee der professionellen identität. wieviel person sollte nach außen für alle von mir sichtbar sein? wieviel profil kann ich in meinem job zeigen ohne dass für meine klient_innen der raum verschwindet, den sie bei mir für sich selbst brauchen? die zweifel generieren eigenartige auswüchse. kann ich den antirassistischen aufkleber auf mein auto kleben, oder bedeutet das dass ich dann keine rassistischen klient_innen mehr beraten kann, wenn die das lesen? (i know.) meine unsicherheit wirkt sich auch aus auf meinen kleiderschrank, der verwirrt zwischen blazer und jeans und den resten eines individuellen irgendwas hin und her schwankt.

früher hätte ich gesagt, in einem beruf, in dem ich meine überzeugungen verstecken muss, möchte ich nicht arbeiten. aber das wäre am punkt vorbei konstatiert gewesen. es geht nicht wirklich ums verstecken, sondern darum die kontrolle darüber zu haben wann welche information an welche_n rezipient_in gelangt. wie ich das so schreibe denke ich, was malst du dir da eigentlich aus? das hört sich nicht an wie etwas, das sich kontrollieren lässt. wäre es nicht wichtiger, nur sachen zu sagen, hinter denen du stehen kannst, und dann auch wirklich dazu zu stehen, wenn jemand dich dazu anspricht?

aber warte. drastisches beispiel vielleicht, aber angenommen ich würde über bdsm schreiben (worüber ich dieser tage immer mal wieder nachdenke). sollen das die klient_innen lesen? der potentielle zukünftige arbeitgeber (vllt ein christlicher träger sozialer einrichtungen)?

früher dachte ich, ich würde einen höchst individualistischen lebenskünstler_innenweg einschlagen. der weg auf dem ich gerade bin ist ganz klar meiner, kein fremder. trotzdem beinhaltet er nicht diesen in-your-face-individualismus, den ich mir damals unter „eigener weg“ vorgestellt habe. ich bin keine künstlerin geworden, sondern ich arbeite mit menschen. bei dieser arbeit bin ich als person präsent, aber ich trete absichtlich in den hintergrund, weil ich anderen einen raum biete, sich weiter zu entwickeln. es geht um deren veränderungsprozesse, und während ich dabei viel lerne und emotional beteiligt bin, ist es dennoch notwendig, in der rolle der begleitung zu bleiben und nicht zur protagonistin zu werden. das ist nicht schwierig in der situation, aber in seinen weiteren auswirkungen für mich noch überhaupt nicht einzuschätzen.

wie machen das andere therapeut_innen, berater_innen, sozialarbeiter_innen, die netzaffin sind? euch muss es doch geben. ich sehe euch aber nicht. die homepages irgendwelcher älteren generationen, ja, aber sonst gucken mich die kolleg_innen (ex und aktuell) meistens schief an wenn ich einen online-begriff verwende, nicken und sagen, ja, deshalb bist du ja unser admin, ich hab davon keine ahnung. ich glaube, die meisten aus meinem metier bleiben den blogs und social networks entweder fern, haben nur einen professionellen internetauftritt oder werkeln unter funktionierenden pseudonymen. nur ich bin mal wieder irgendwo in den zwischenräumen und kann_will mich nicht auf eine linie eingrenzen, typisch. ohne experimente und fragen stellen kein rausfinden oder weiterkommen, though. also hier, irgendwas machen halt. eigentlich vielleicht auch egal wo. idk.

also früher…

… also früher war das so, da habe ich um hierarchien zu vermeiden die buchstaben einfach alle gleich klein geschrieben, und der text brauchte keinen anfang und kein ende, außer es lief ihm so zu.
ich bin mit c. essen gegangen (das dessert schmeckte wie ein orgasmus), und danach gingen wir so durch die stadt, wie ich das im gegensatz zu früher gar nicht mehr oft tue (diese stadt in der ich wohne ist noch gar nicht zu fuß von mir erobert worde), naja jedenfalls wir spazierten, und wir landeten auf den schaukeln eines spielplatzes und umrundeten einmal das schloss undsoweiter, und langer rede kurzer sinn, das gespräch kam aufs schreiben.
sowieso wollte ich mal wieder übers schreiben schreiben.
habe ich ja früher am laufenden band so gemacht. schien motivierend zu sein, so auf dauer.
ich wollte erzählen, dass sich so langsam, langsam der wust an neuen herausforderungen lichtet, alltagsaufgaben vertrauter werden, und sich damit wieder mehr energie freischaltet, die für fiktion benutzt werden kann. und ich erinnere mich, wie wichtig mir das immer noch ist, dieses wortzeugs da. unter anderem, aber trotzdem.
und es ist schon eine weile her, glaube ich, dass ich abends müde vorm bildschirm gesessen und was ins internetz geschrieben hab: also früher! da war das der lifestyle! das war praktisch die essenz des lifestyles!
und jetzt

ohne Meta

Wieder einmal zu Besuch im Haus meiner Eltern habe ich mir den Computer meiner Mutter ausgeliehen. Auf meinem eigenen macht das Tippen keinen Spaß, das E hängt, und man muß mit Karacho auf die Tasten hauen, damit wirklich alle Buchstaben da auftauchen, wo sie stehen sollen. Der hier dagegen bietet sozusagen den Fingern Urlaub während sie arbeiten, Joggen statt Gewichtheben.

Während der letzten Wochen hatte ich so einige Male den Impuls zum Blogschreiben. Es gab ja auch interessante Diskussionen, zu denen man sich hätte äußern können, also, ich. Und Dinge, die schon länger in meinem Notizbuch als Fragment auf Realisierung warten. (Fragmente realisieren tu ich aber eigentlich nie.)

Doch wenn ich so durch meine Posts scrolle, fällt mir auf, daß es nicht die thematischen Einträge, die Diskussionsbeiträge sind, an denen mein Blick im Nachhinein noch hängen bleibt. Vielmehr verweile ich auch Monate und Jahre später lieber bei den wenige Zeilen umfassenden Bildhaufen, die ich mal aus meinem tiefsten Inneren heraus auf den Bildschirm gespuckt habe. So ähnlich wie die Lyrik, die ich früher mit Leichtigkeit verfaßt habe, und die mir jetzt in der Fingerspitze stecken bleibt. Ein schönes Wort an ein schönes Bild an einen schönen Ton geklebt, Analyse bleibt draußen, muß nicht eingeordnet werden. Gehört zu nichts dazu. Kommuniziert nichts nach außen. Letztlich sind das Erinnerungsstücke, nicht mehr und nicht weniger, und trotzdem –

Vielleicht sind Erinnerungsstücke, bei denen man die Emotionen, die dranhängen, tatsächlich darstellen kann, gar nicht so schlecht als Texte.

Zur Sichtbarkeit trägt es natürlich nicht bei, sich weiterhin in Privatem zu wälzen. Aber vielleicht ist es auch das, was ich schreiben will, zumindest manchmal. Alles andere ist Arbeit, nicht das Schreiben an sich, sondern das sich dazu bewegen. Privatmatschen entspannt.

Ah, warte mal, Sekunde. Was da so in meinem Notizbuch steht an Themen, über die ich schreiben könnte, das sind alles Sachen, bei denen es konkret um meinen ganz persönlichen Zugang geht.

Denke ich da dann wieder, daß das uninteressant ist? Warum sollen nur persönliche Zugänge anderer Leute spannend sein? Hab ich nur wieder Angst davor, daß es am Ende tatsächlich interessant sein könnte, was ich beizusteuern hätte?

Es macht mir keinen Spaß mehr, über Beweggründe nachzugrübeln und endlose Metaüberlegungen anzustellen, das ist eindeutig. Es macht mir im Moment keinen Spaß mehr, diesen Post hier zu schreiben, seit er sich auf die Metaebene, die mit den X Stockwerken begeben hat.

Warum ist mir egal. Egal. Egal. Üb das.

Und Folgenes üben: Ich stelle fest, mir gefallen diese tiefen Erinnerungsstücktexte, die ich mal verfaßt habe. Ich stelle fest, ich habe Ideen, was ich schreiben könnte, ich habe es bisher aber noch nicht gemacht – das sind nur Beobachtungen. Ich stelle fest, Sachen sind schwer, aber das zieht so vorbei und ich lasse mich nicht davon beindrucken.

Wieder kein Fazit! Wohin soll das noch führen! Macht das überhaupt einen Sinn? Vermutlich nicht. Und. Weiter? …

Wie geht Schreiben ohne Meta? Geht Schreiben ohne Meta? Geht Leben ohne Meta?

Mal sehn.

pausen-post, die erste

jetzt erinner ich mich schonwieder kaum mehr daran, wie das nochmal ging, also müssen meine finger sich erinnern.

und da klingelt das telefon, ich gehe rüber ins andere büro, sage professionelle dinge auf mehr oder minder professionelle art, und es ist wirklich gut, daß es diesen winzigen bereich gibt, in dem ich wenigstens weiß, welche antwort ich geben kann. weil es eben fristen gibt, und namen auf listen stehen. listen, in deren perfektionierung ich über gebühr zeit stecke, weil ich die zeit ja habe und ihre existenz mich beuruhigt. von unten schallt die immer gleiche musik. wenn ich hier besucherin wäre, würde ich rückwärts wieder rausgehen, wenn ich diese songs schon wieder hören würde, jeden tag.

pause, da kann ich legitim am computer sitzen und über dinge tippen, die mich interessieren. was interessiert mich? meine sich wichtig nehmenden beiträge zu irgendwas, zur blogosphäre oder so ähnlich, die versinken meistens in meinem gehirn, weil ich komischerweise nie die ruhe oder den mut finde, sie zu schreiben.

ich möchte mal sagen, ich verstehe das nicht so richtig. gar nicht darüber nachdenken, daß wenn ich in die tiefe gehe ich bestimmt eine gute erklärung für alles finden kann. sondern einfach stehenbleiben auf diesem anfängerplatz: also, wie geht das jetzt? und warum so, und nicht anders?

ich möchte meine energie nach außen lenken und meine fähigkeit zum aufstellen zielgenauer theorien zur diskussion von dingen nutzen, und nicht, um mehr schrift, mehr erklärungen, mehr warnschilder auf meinen eigenen, ich weiß nicht, ideellen körper oder so zu schreiben. geht das? das fühlt sich an wie der versuch, auf morastigen bodensatz mit auf der oberfläche treibenden leichen ein standfestes gebäude zu bauen.

ich möchte überhaupt nicht, daß das jemand liest, oder? deshalb höre ich auf, wenn es spannend wird, und ziehe um, wenn die zuschauer sich mehren und jemand auf mich zu achten beginnt.

pause vorbei.

kreise, 2

In meinem allerersten Blog und auch noch später im LJ habe ich recht viel Aufmerksamkeit der Erforschung eines bestimmten psychischen Zustands gewidmet, der mich zuweilen heimsuchte oder den vielleicht ich suchte, um ihn heimzuholen. Grob umrissen handelte es sich um eine Form von Melancholie, bei der ich aber immer das Gefühl hatte, sie sei mehr als das.  Sie wollte mir etwas sagen, über mich, die Welt und was zwischen uns war. Sie barg ein immenses Reservoir an künstlerisch Möglichem, als lauere hinter der Unfähigkeit, im Moment die richtigen Worte formulieren zu können, jedes Gefühl und jede Metapher, die ich als Autorin je brauchen würde. Ich mußte nur den Zugang dazu finden. Der Zustand war ein schmerzhaftes Beinah, aber noch nicht ganz, ein unter der Glaskuppel liegt das Land. Ausgelöst wurde er von der Wahrnehmung großer Schönheit, und der Neid war eng verschlungen mit ihm: Würde ich je etwas derart Perfektes erschaffen können?

Der Zustand war wirklich wichtig für mich. Er half, mich im Gleichgewicht zu halten. Ein großer Schmerz, aber immer in Grenzen, in einem Raum, wo ich ihn als ästhetisch umdefinieren und als unverzichtbaren Teil meiner selbst wahrnehmen konnte. Meine Verhaltensweisen in diesem Zustand, die recht unleidlich sein konnten, kannte ich genau. So konnte ich per Code, mit dem ich den Zustand benannte, meine Freund_innen informieren, wie sie mich im Moment zu verstehen hatte, inwieweit man mich gerade ernstnehmen mußte oder eben nicht. Mein Zustand war so immer nah am Limit, aber nie lebensgefährlich oder tödlich für wichtige Beziehungen.

So in etwa erinnere ich mich. Ich durchforste alte Posts und lese die direkte Beschreibung aus dem Zustand heraus. Um Kunst geht es da, kleiner wird der Begriff nicht, um sprachlos ob eines Dings zu sein, das beschrieben werden muß. Um Lähmung der Stimme und der Hand angesichts der wundervollen Worte anderer. Ah, da kommt es mir wieder. So weit ist es vielleicht doch nicht weg.

Im letzten Jahr irgendwann bemerkte ich, daß mein besonderer Zustand mir abhanden gekommen zu sein schien. Schlechte Laune kannte ich noch, Traurigkeit, doch nichs davon hatte künstlerische Qualität (was heißt das?). Schleichend verwandelte sich dann meine geschätzte (wenn auch zuweilen gehaßte) Melancholie in tatsächliche Traurigkeit. Sie verließ ihren so konstruktiv gesteckten Rahmen, ließ sich nicht mehr sublimieren oder zelebrieren.

Ich lernte etwas über einen schlechten psychischen Zustand, der länger als einen Abend dauerte, und dessen Tür ich nicht auf- und zuschließen konnte. Es war widerlich. Ich wollte meinen Code-Zustand zurück haben. Die gefühlte Sprachlosigkeit war da (dabei sind das die Zeiten, zu denen ich am meisten schreibe), doch kein Bild/ Topos entstand daraus. Ich war ein trauriger Mensch, kein leidender Künstler.

Daß das zurück kommt, davor fürchte ich mich. Der alte Zustand aber — ich sehe, er definiert mich nicht mehr. Wohin habe ich mich bewegt? Wer bin ich dann jetzt, ohne den Teil, den ich als so wesentlich an mir fand? Oder ist er gar nicht verschwunden?

„ich frage mich später, ob diese momente mein alibi für den mangel von leben in meinem leben sind. für alle tage und nächte, die an mir vorbeigehen, ohne vertanzt, verweint, verquatscht, … worden zu sein.
ob ein ganz tiefer und nicht wirklich erträglicher schmerz mir das werkzeug ist, vor mir selbst so zu tun, als ob ich ja doch ganz intensiv leben und jeden moment auskosten würde, aber ob ich das tue weiß ich nicht.“

10.03.2006

Was ich eigentlich schon sehr lange mal schreiben wollte

Hatte nicht vor, heute nacht noch was zu schreiben, aber diesen Gedanken muß ich kurz festhalten.

Gerade habe ich eine der Livejournal-Communities aufgesucht, in denen 2006 bis 2008 unsere spezielle Ecke des deutschsprachigen Fandoms ihr Unwesen getrieben hat. Es war wie die Besichtigung einer gut erhaltenen Ruine: mit Hinterlassenschaften gefüllt, aber ohne Leben. Ohne weitere Besucher oder Anwohnerinnen.

Letztes Jahr irgendwann kündigte eine gute Fandom-Bekannte an, ihr Journal zu löschen und woandershin zu gehen. Sinngemäß begründete sie das mit der ganz normalen Bewegung und Veränderlichkeit der Dinge. Daß eben irgendwann der Ort, an dem man gelebt hat, nicht mehr paßt, und man an einen anderen geht. Meine Community, wie ich sie geliebt hatte, existierte zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr, aber ich wollte es nicht wahr haben. Ich brauche immer eine ganze Weile, um Veränderungen in Bezug auf die Verbindungen zwischen Menschen und auch Orten akzeptieren zu können. Die gute Bekannte hatte völlig recht mit ihren Gründen, auch wenn für mich an ihrer Stelle wohl aufgrund meiner Persönlichkeit ein so radikaler Abschluß nicht infrage gekommen wäre .  Zu jenem Zeitpunkt aber fühlte es sich an, als würde sich alles erst jetzt auflösen, da sie ging und die Veränderung manifest werden ließ.

Seit einer ganze Weile habe ich keine Fanfiction mehr geschrieben; irgendwann hörte ich auch auf, in mein Livejournal zu schreiben. Dafür gibt es sicher mehrere Gründe. Ich dachte, eine der Hauptursachen sei meine Furcht, den in meiner eigenen Wahrnehmung starren Erwartungen nicht gerecht werden zu können, oder der zunehmend kritischer werdene Blick in einer Gemeinschaft — dem LJ/ Dreamwidth-basierten Media-Fandom — das mir zu Anfang als sehr akzeptierend und, nun, niedrigschwellig begegnet war. [1] Zudem geriet ich, sowohl in Bezug auf Fanfiction als auch auf Journaleinträge, immer mehr in Sprachkonfusion. Ich wußte nicht, ob ich auf englisch oder deutsch schreiben sollte, die Hälfte der Posts und der Großteil der Fanfic die ich las war schließlich auf englisch geschrieben, und die meisten Quellentexte/ Fandoms waren ebenfalls englischsprachig. Die Sprachfrage war auch eine Rezipientenfrage. Für wen wollte ich schreiben? An welchen Diskursen wollte ich teilhaben? Ich wollte ein Teil der großen Fancommunity sein, die ich aus der Zaunreiter- und Von-halb-innen-Beobachterperspektive so gut kannte, fühlte mich aber grenzenlos überfordert, sprachlich, inhaltlich, sozial, kreativ.

Aus dem Abstand sehe ich besser, daß zur Zeit meiner Konfusion, als ich in jedem zweiten Journaleintrag überlegte, was ich mit dem Journal anfangen sollte, die eigentliche Community als deren Teil ich mich wirklich gefühlt hatte, diese kleine deutschsprachige Ecke, bereits zum größten Teil verschwunden war. Menschen und Motivationen hatten sich überall hin verteilt, die alten Livejournal-Comms blieben leer. Mein Orientierungsproblem hatte nichts (oder nur am Rande) mit einer Wandlung des großen „LJ-based-Mediafandom“ zu tun, sondern schlicht damit, daß da ein Freundeskreis auseinandergedriftet war. Wie das eben passiert, vor allem wenn die meisten Freund_innen gerade mal um die 20 sind.

Manche haben zu posten aufgehört; andere schreiben nicht mehr über Fandom oder zumindest nicht mehr in den Communities. Wieder andere sind dazu übergegangen, nur noch auf englisch zu posten, um mit anderen, aktiveren Teilen des Fandoms im Kontakt sein zu können. Manche, vor allem die Älteren, sind noch da, in ihren eigenen Journals, und wie ich meiden sie die Ruinen, in denen wir einst unsere Orgien gefeiert haben.

Als ich mit dem Schreiben von Fanfiction angefangen habe, war da nur im Hintergrund etwas wie eine Gemeinschaft spürbar, nämlich die Leute, die die großen Archive benutzten. Ich las ihre Geschichten, kommentierte manchmal, bekam Kommentare zu meinen Geschichten. Viel war es nicht, aber das Wenige an Gemeinschaft, das es gab, war essentiell für mich. Ohne die anderen Fans hätte ich keine der Fanfics beendet, die ich begonnen habe.

Die Livejournal-Leute, die füreinander und aus Spaß an der Freude Fanfic auf deutsch schrieben, motivierten mich, Geschichtchen zu verfassen und online zu stellen, die vorher nie über den Status einer vagen Idee in meinem Hinterkopf hinausgekommen wären. Es ging nicht darum, daß alles großartiger Qualität war, das wir teilten, sondern es ging darum, daß wir es teilten. Und manches davon war großartig. Und es wurde geboren, weil es eine ganze Horde Hebammen besaß.

In meiner Magisterarbeit habe ich in Anlehnung an Kristina Busse darüber geschrieben, daß Fanfiction nie in ihrer Gänze begriffen werden kann, wenn man den Prozeß und den Kontext ihres Entstehens außer Acht läßt. In dem fannischen Universum, in dem wir lebten, erfüllten die Geschichten viele Funktionen. Sie waren der Sekt auf der Party, Besserungswünsche, Kunstprojekte, Graffiti, Umarmungen…

Warum habe ich mich gewundert, daß ich aufgehört habe, Fanfiction zu schreiben? Oder daß ich die englischsprachigen Projekte, die ich geplant hatte, nie in die Tat umgesetzt habe? Meine Geschichten sind entstanden, weil sie tief verwurzelt waren in der Erde dieses Freund_innenkreises, und nun, da die Wurzeln offen liegen, wächst nicht mehr viel. Das ist ein bißchen traurig, aber letztlich wohl ganz normal, und auch nicht aufhaltbar, oder durch bestimmte Personen verschuldet.

Es gibt noch immer ein Fandom, das untereinander Liebe genauso wie Kritik versprüht durch ganz verschiedene Arten von Äußerungen, die einzigartig sind und die ich genau wiedererkenne. Das ist nicht verschwunden, und ich fühle mich dazu auch noch immer zugehörig.

Nur eben nicht auf dieselbe Art zugehörig wie unserer speziellen kleinen Ecke, die ich mit geprägt habe, und die ein zeitgebundenes Phänomen war — wie meine Teenagerfreund_innen auf der Domwiese oder meine Pfadfindergruppe, ein Freund_innenkreis eben — zu dem man nicht zurückgehen kann, auch wenn man wünscht, man könnte es. Kann man Geisterstädten neues Leben einhauchen?

Ich glaube höchstens, wir könnten uns zusammenrotten und etwas Neues anfangen, die die übrig gelieben und verstreut, aber immernoch verbunden sind. Mag sein, daß es gleich wieder kollabieren würde, oder gar nicht entstünde. Oder es würde aufblühen und wunderbar sein. Und etwas ganz anderes, als das, was wir hatten.

[Links werden nachgeliefert.]

[1] Dazu kurz: Eine Schärfung des kritischen Blicks in Teilen des Fandoms hat m.E. wirklich stattgefunden, und ich halte diese Entwicklung für gut und wichtig. Die Auswirkungen auf mich persönlich sind unterschiedlich und zunächst unabhängig von der Frage, wie ich das  Phänomen an sich bewerte. Wie man sieht, ist das ein eigenes großes Thema, auf das ich in diesem Post nicht näher eingehen will.

Evaluation/ Beobachtungen

zum letzten Post.

1. Aufschreiben hilft wirklich immer. Bisher keine Ausnahmen beobachtet.

2. Zwei Minuten  nach dem Posten konnte ich mich schon nicht mehr erinnern, was gerade so schrecklich war. Während des Schreibens allumfassende Verzweiflung, jetzt Ruhe. Alles nicht mehr sonderlich bedeutungsvoll. Vielleicht geht es wirklich nur darum, jeden Teil einer Persönlichkeit sprechen zu lassen. Jeder hat das Recht etwas zu sagen, und je mehr ich glaube, das dieser oder jener Teil besser schweigen sollte, desto mächtiger und schmerzvoller wird er.

3. Das öffentliche Schreiben ist nochmal eine andere Frage als das Schreiben an sich, aber auch das, glaube ich, hilft. Es beweist, daß gewöhnlich nichts Schreckliches geschieht auch wenn scheinbar Unsagbares gesagt wird. Bisher hat mir auch dieser Dinge wegen noch niemand explizit die Freundschaft gekündigt, und akut fällt mir eine Person an, die vermutlich teilweise deshalb auf Distanz zu mir gegangen ist, und bestimmt fünf oder sechs, die es nicht getan haben.

4. Keine Lust mehr, ich will jetzt was essen und die Sonne angucken.