Herumschnuppern an der Barriere

Ich lasse mich zu_r Expert_in im Erforschen von Barrieren ausbilden – ab und zu die anderer, im Moment insbesondere meine eigenen. Dafür bin ich durch meine langjährige Erfahrung im Zaunreiten vermutlich prädestiniert.

Gleich vertraut kam mir die Handlungsbarriere vor. Das ist meine, dachte_wusste ich. Meine Lieblings. Meine Herausforderin. Jetzt begegne ich ihr jeden Tag sehr bewusst, und ich lache nicht mehr über sie. Sie gruselt mich. Ich kämpfe um das Verstehen.

Ich glaube, dass die Handlungsbarriere (meine, und auch eine allgemeine, da ich so vielen Menschen begegne die sich auch an einer abmühen, die immer wieder sehr ähnlich aussieht) in einer Menge Kontexten steht, aber dass ich die auseinander puzzlen muss, um die Details besser sehen zu können. Zum Beispiel spielt dabei eine hochmoralische Antreiberinstanz eine Rolle, die irgendwo her kommt, geerbt von der Großelternkriegsgeneration vielleicht, und ein aktueller Diskurs über „sich engagieren“, bei dem das „Welt retten“ mitschwingt, undsoweiter. Meine Krux ist aber woanders, tiefer, versteckt unter Ebenen von nicht-gesehen-werden-wollen und eigentlich-schon-tot-sein-ehrlich-ich-bewege-mich-gar-nicht.

Es ist so: Ich sage mir, dass ich etwas tun will (um Unheil abzuwenden, zu helfen, für Prinzipien einzutreten, Entwicklungen, die ich nicht will, entgegenzutreten).

Dass ich etwas tun MUSS, s.o., wegen moralischer Verpflichtung.

Je deutlicher ich mir das selbst sage, desto heftiger ist die emotionale und körperliche Gegenreaktion, nämlich das Erstarren. Erstarren hört sich so unbewegt, also friedlich an, ist aber höchst gewaltsam. Es gehört nämlich auch dazu das Atmen einzustellen (oder so gut wie), nicht so gut wenn man gerne überleben möchte. Weil es ein Panikerstarren ist, fährt auch das Adrenalin sofort in die Höhe, das Herz klopft schneller, der Alarmzustand ist ausgelöst.

In der Panik kann man sich nicht gut aufhalten, sie macht einen auch nicht handlungsfähig, also ziehe ich mich meistens sehr schnell daraus wieder zurück. Das heißt aber auch, durch diese Mauer, vor der die Panik als Wächter steht, nie durchzukommen. Hinter der Mauer ist die Realität meines Schreckgespensts „Engagement“, und würde sie zumindest gerne mal anschauen und mit ihr mal konferieren wollen, um festzustellen, ob es wirklich gute Gründe gibt, sich von ihr abzuwenden, aber soweit komme ich gar nicht.

Da ich die Antreiberinstanz schon gut kenne, habe ich mich dem Teil von mir versucht zuzuwenden, der hier in Ängste gerät, aber der entschlüpft mir ganz geschickt und lässt sich nicht so exakt wahrnehmen. Was ich weiß ist, dass er_sie_es, sagen wir mal es, Angst hat allein zu stehen. Dazu gehört ein deutliches Bild von allein auf weiter Flur, ein Aufwall enormer Einsamkeit gepaart mit Verlustschmerz und Orientierungslosigkeit. Und dann die Selbstverständlichkeit, dass ich (es) mit dem, was ich allein angehe, überfordert sein werde (wird). Das ist nichtmal eine Erwartung, es ist eine Wahrheit.

Erfahrungsgemäß weiß ich natürlich, dass ich schon ziemlich oft Dinge gemacht habe, bei denen ich nicht gescheitert bin. Und dass ich extrem selten so überfordert war, dass ich kollabiert bin (der Kollaps ist nochmal ein eigenes Thema), ich glaube noch gar nicht? Auf der anderen Seite gibt es aber eben auch Herausforderungen, denen ich mich nicht stelle, oder nur kurz, um mich bald darauf wieder zurückzuziehen. Also stimmt es vielleicht auch, dass ich –

Wer spricht hier? Ich kann schwer an mir selbst vorbeidiskutieren. Alle Diskussionen zum Thema wurden in mir bereits geführt und führten nicht weiter.

Da die Selbstverständliche Überforderung meine neuste Entdeckung ist, kann ich weiter noch nicht viel sagen und weiß auch noch nicht, wohin das alles führen wird. Allerdings ist es gerade möglich, die Scham so weit hinter mir zu lassen, dass es funktioniert darüber (ein bisschen öffentlich) zu schreiben, und das ist in dieser Form neu.

Ich überlege, ob der Diskurs nicht vielleicht sogar ein paar vorsichtige, noch nicht fertig gedachte, leise, introspektive Stimmen brauchen kann?

– Wie vermessen!

– Gefährlich meinst du?

 

 

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idek

Das war doch mal so, dass die Anspannung sich gelöst hat, wenn man ein bisschen was aufgeschrieben hat, nicht?

Es ist dunkel und nass draußen, der Samstag schleppt sich träge an meinem Fenster vorbei. In Gedanken bin ich schon montags, obwohl noch so viel Zeit wäre, die ich mit mir und meinen Maßstäben verbringen könnte, bis ich wieder dahin gehe wo ich mein Urteil unter zwei Lagen Chaos an der Oberfläche meines Gedächtnissumpfs vergrabe. Wie es wohl wäre, mein Urteil als Flagge vor mir her zu tragen? Zweifel ist eine schwierige Fähigkeit. In Lost Girl ist das Tamsins Kraft als Walküre, Zweifel in den Köpfen ihrer Feinde zu sähen, und sie ist auch selbst empfänglich dafür, was ihr ermöglicht, ihre Meinung zu ändern und die Basis dafür ist, dass sie tatsächlich Position beziehen kann im Widerspruch zu dem, was von ihr erwartet wird. Das kommt mir jetzt ein bisschen komisch vor. Zweifel als Basis für Position/ Überzeugung? Naja, für eine überlegte jedenfalls. Irgendeine Position kannst du gut auch so haben, ohne je daran zweifeln zu müssen.

Vielleicht hänge ich deshalb so an den ein, zwei tatsächlichen Überzeugungen (politischer Art), die ich in meinem Leben angesammelt habe – weil es mir so schwer fällt zu ihnen zu gelangen und ich dann diesen winzigen Anteil errungener Sicherheit nicht wieder aus der Hand geben will. Und gibt mir jemand gute Gegenargumente, fühle ich mich sehr sehr dumm und hilflos; mir schwimmt meine Substanz weg. Wer ist jemand der keine festen Überzeugungen halten kann?

Nach der Diskussion lese ich dann die Bruchstücke meiner Meinung auf und setze sie wieder zusammen, vielleicht mir neuen, stärkenden Teilen dazu. Das ist nicht das Problem. Aber in dem Moment, wenn ich auf Kritik stoße, hinterfrage ich sofort alles, was ich zuvor geglaubt habe, da braucht es gar keine Walküre, die ihre Kraft anwendet. Als hätte ich keine Handhabe, die Welt zu beurteilen. Als gäbe es doch Wahrheit, die sich darin zeigt, dass jemand sie besonders selbstbewusst in besonders stabilen Worten präsentiert.

„Tu nicht X, das ist unangemessen.“ Unprofessionell. Das Urteilswort deiner Wahl. „Natürlich kannst du auch anderer Meinung sein, bist du anderer Meinung?“ Meine Gedanken sind Mus. Ich erinnere mich an kein Wissen, keine Begründungen. Ich bin eine mushirnige, vor Wut zitternde –

Und doch würde ich nicht tauschen wollen. Mit genug Zeit und Ruhe zum Nachdenken komme ich darauf, dass ich zum Beispiel eine Meinung habe über: Urteilen. Nämlich dass ich nicht finde, dass es eine gute Eigenschaft ist, über jede Person und jeden Sachverhalt sofort ein Urteil parat zu haben. Und dass es mich grenzenlos irritiert, wenn jemand meint die Wahrheit gepachtet zu haben – das spricht nicht für Differenzierungsfähigkeit, und auch nicht für besonders umfangreiche Empathie. Aber hier beißt sich natürlich die Katze wieder in den Schwanz. Wenn ich es gerade auch mache, wie kann ich mir dann anmaßen es bei anderen doof zu finden?

Guck, da passiert es wieder. Keine klare Linie lässt sich aufrechterhalten. Ich weiß nicht, ob mein Gedächtnis sich wirklich in Matsch auflöst oder ich nur wieder der Konfrontation ausweiche, indem ich mich durchlässig und substanzlos gestalte. You can’t catch me, I’m not even here.

Gestaltungsmöglichkeiten zu erobern aber erfordert physische Existenz, die im Jetzt verankert ist. Klar kann man ewig ausweichen, nur berührt man dann auch nichts und schiebt nichts in eine bestimmte Richtung. Schlecht für jemanden, der schon immer gern Einfluss ausüben wollte. Wenn nur Veränderungen nicht so mühsam und kontinuierlich wären, wenn man nur einmal springen müsste, das wäre schön.

 

Hindernislauf

Weil ich mit Karacho und rollenden Steinen in neue Abschnitte gestolpert bin, räume ich besonders eingehend mein Zimmer auf, denn dann kann man ja Dinge wegwerfen, Unterlagen, die keiner mehr sehen muss, Überlegungen, die jetzt umgebaut worden sind um die neuen Gegebenheiten zu berücksichtigen. Ich finde neben wegwerfbaren Unterlagen: Kleidung, Zettelwirtschaft, Zeitschriften, alte Texte. Unterschiedlich alt, unterschiedlich schmerzhaft oder hilfreich. Unter den hilfreichen ist eine Hälfte oder ein Drittel eines Übungstreams aus dem Seminar, das ich 2009 gemacht habe, und das damals meine Wiederverbindung mit dem Wasser aktiviert und damit meine Möglichkeit der Wandlung hergestellt hat.

Keine Angst haben, das wäre schön, schreibe ich da. Und vor zehn Minuten habe ich das in ein Chatfenster geschrieben, you know what, I want to stop being scared, that would be awesome. Ich stelle mir öfter vor, wie es sein könnte, jemand anderes zu sein, für den Angst nicht so ein überdimensional bedeutsames Thema ist. Ich stelle es mir schön vor, ruhig, mit unbegrenztem Vorrat an Luft, der anstrengungslos geatmet werden kann. So wie es ist, habe ich das Gefühl, einen großen Teil meiner Zeit damit zu verbringen über hohe Hindernislatten zu springen, obwohl ich ja keinen Sport mache und meine Fitness dafür überhaupt nicht ausreicht. Meistens stelle ich mir dabei vor, wie es wäre, hinzufallen und nicht mehr aufzustehen. Was für ein lockender Ausweg! Ich kann nicht mehr rennen, denke ich, ich kann nicht mehr, Herr Lehrer, ich will mich hinsetzen (aber das ist nicht erlaubt, auch zu fragen nicht).

Ich renne gern, wenn ich selbst entscheide loszurennen, zum Beispiel aus reinem Übermut auf einem offenen Platz, wenn ich vom Bahnhof nachhause laufe. Nicht gerne renne ich, wenn ich dabei Turnschuhe anhabe, wenn ich einen Zug erwischen muss, wenn es irgendwie notwendig ist, anzukommen. In der letzten Zeit habe ich darüber nachgedacht, ob ich Angst davor habe, außer Atem zu geraten, weil ich dann das Gefühl habe sterben zu müssen, und ich glaube, das könnte es tatsächlich sein. Dabei ist dieses außer Atem geraten gleichzeitig ein großartiges Gefühl, ein klares Signal am Leben zu sein und es auch im gerade aktiven Augenblick filterlos wahrzunehmen. Am Leben sein ist sich des an der Schwelle zum Tod stehen bewusst sein? Vermutlich, hm. Binsenweisheiten.

Warum will ich aufhören, Angst zu haben?

Warum ist es mir unerträglich, einige Tage eine Anspannung, eine Nervosität nicht auflösen zu können?

Ich kann mich immer leicht lösen, aber sehr schwer in eine Verpflichtung hineingehen, selbst wenn ich mich ganz freiwillig dafür entscheide, weil das trotzdem bedeutet, in Gefahr nicht mehr wegrennen zu können. Was wenn etwas schief geht? Wenn ich in meiner gesetzten Aufgabe scheitere? Wenn außerhalb von mir eine Krise eintritt, die mich betrifft, und ich kann nicht mich von den Verpflichtungen freimachen und an einen anderen Ort gehen?

Also, wenn ich renne, und ich bin ganz kurz vorm Fallen (lassen), weil jeder Schritt schmerzt, dann muss ich langsamer werden können, oder? Von der Bahn herunter gehen, mich auf den Rasen setzen, verschnaufen und ein paar Schluck Wasser trinken. Wenn das verboten ist, oder wenn die Bahn keinen Ausgang hat, dann kann ich ja nur fallen. Bedeutet das nicht, dass ich dann tot bin?

Ich weiß auch nicht, was das für Bilder in meinem Kopf sind. Kein Mensch rennt auf einer hermetisch abgeschlossenen Hindernisbahn mit eingebauter Lehrerinstanz. Oder? Oder doch, nur macht das niemandem außer mir was aus, weil andere Leute es nicht brauchen, immer einen Fluchtweg vorgeplant zu haben?

Like, wenn mich jemand erwischt und bemerkt, dass ich zu unrecht an der Position bin, an der ich mich aufhalte.

Aber vielleicht würde ich gar nicht wegrennen, sondern wegfallen, einfach zur Seite umkippen und Atem Atem sein lassen.

Ich glaube, bin ziemlich sicher, ich will das nicht.

Meine sichere Distanz

Ich habe den großen Wunsch, Menschen in einer sicheren Distanz um mich zu haben. „Sicher“ meine ich hier nicht im Sinne von „weit genug weg, daß sie mir nichts anhaben können“. Ich meine etwas anderes.

Wenn ich neue Menschen kennenlerne oder alt“bekannten“ näher komme, erfaßt mich gerade in letzter Zeit oft ein Gefühl der Beklemmung. Etwas kommt mir da zu nah; etwas kommt ins Rollen, das sich zur Lawine auswachsen wird, wenn ich es nicht sofort stoppe. Vielleicht hatte ich diese Empfindungen schon früher. Sie mögen mich davon abgehalten haben, auf Leute weiter zuzugehen, für die ich mich an sich interessiert hätte, bei denen ich mir aber unsicher war, wie nah ich ihnen kommen will.

Nah kommen, was ist das? Es hat zu tun mit einem physischen Gefühl, das sehr unterschiedlich sein kann. Manchmal ist es ein dringender Ruf nach mehr Raum, ein Keine-Luft-mehr-kriegen. Ein Abdrücken meiner Bewegungsfreiheit: da steht jemand in meinem Weg, und ich komme an dem nicht vorbei.

Manchmal ist es beinah das Gegenteil: Ruhe, Entspannen. Sich geborgen fühlen. Unter die Haut des anderen krabbeln, ineinander aufgehen wollen. Diese Art von Nähe schneidet mir die Luft nicht ab, sie gibt mir nur eine größere Vielfalt von Gerüchen und Wind.

Wenn ich jemanden neu kennenlerne, der an mich heran zu wollen scheint, der etwas von mir will, dann stellt sich bei mir häufig schnell in Nervosität und Abwehr das erstere Nähe-Gefühl ein.  Warum?

Weil ich die Erfahrung gemacht habe und mache, daß Menschen entweder wie am Gummiband an mich heranschnellen und sich an mich kleben, so daß, z.B., eh ich es mir verseh ein Anstreben einer Liebesbeziehung aus ein paar Küssen geworden ist, die ich dann schnell stoppen muß, bevor sich mein Gegenüber zu sehr hineinsteigert, anfängt, von mir Zugeständnisse zu erwarten, die ich nicht geben will, und traumatisiert ist, wenn ich zu spät Nein sage.

Oder ich schütze mich und gehe meinem ersten Impuls folgend ein paar Schritte zurück. Ich sage: Ich möchte nicht, daß du Erwartungen an mich stellt, denn ich habe keine Lust, mich um deren Erfüllung zu bemühen. Ich will nicht mit dir ins Bett, weil es mich nicht ernsthaft dahin zieht. Und komplizierte Liebesbeziehungen brauche ich keine mehr derzeit, danke.

Und dann will ich noch sagen: Aber mir liegt an dir. Du bist schön und sprühst vor Leben. Ich glaube, daß wir einander die Welt bereichern können.

Dazu komme ich aber gar nicht, jedenfalls nicht, solange mein Gegenüber noch zuhört. Der-/diejenige ist schon woanders, denn ich habe ja einen Korb gegeben. Also geht gar nichts, wenn sie nicht direkt das bekommen können, was sie sich vorgestellt haben! Entweder verschwinden die Leute aus meinem Umkreis, oder sie bleiben ein anstrengender Kontakt, beim Treffen mit ihnen schwingt immer das mit, was sie sich eigentlich gewünscht hätten, daß passiert.

Aber ich habe ja gar keinen Korb gegeben. Sondern ich habe versucht, meine Körperwahrnehmung zu befragen und mit ihrer Hilfe herauszufinden, wo in dem Raum um mich herum es sich gut anfühlen würde, wenn diese Person da stünde. Für JETZT, keine Aussagen über später getroffen.

Was ich mir da wünsche, ist eine sichere Distanz in dem Sinn: Wenn ich dich aus meiner unmittelbarsten Nähe wegschicke, dann gehst du ganz. Was, wenn du dir einen anderen Platz bei mir, etwas weiter weg als angestrebt, suchen würdest? Dann müßtest du nicht gehen. Wir könnten sehen, was noch auf uns zu kommt. Ich könnte mich vielleicht langsam an meinen zu vielen Zweifeln un Sorgen entlangtasten und mich auf dich zu bewegen. Vielleicht entlastet es mich so, dich auf deinem festen Platz zu wissen, wo ich mich nicht mehr permanent anstrengen muß, um dich auf Distanz zu halten, daß mir die Distanz an sich weniger wichtig wird. Plätze im Raum sind nie unbeweglich, sie verschieben sich immer.

Ich glaube, das ist eine der Herausforderungen des Poly-Lebens, für mich. Wer monogam lebt oder in einer Primärbeziehung, der hat schon diesen definierten Innenraum, in den man nur rein kommt, wenn man eingeladen wird. Es ist klar, daß das meist seine Zeit braucht und mancher eben nie da landet. Niemand findet das schlimm, niemand fühlt sich betrogen – es ist eben so.

Und ich, offen poly, ich werde so verstanden: Erst aufheizen, dann sitzen lassen. Falsche Versprechungen machen.

Meine Interessens- und Zuneigungsbekundungen werden ständig mißverstanden, denn offensichtlich will ich ja mit jedem ins Bett und erst recht mit jedem eine Beziehung haben, ist ja klar! Wie, doch nicht? Mööööööp.

Beim HAKOMI-Workshop, den ich im Januar besucht habe, gab es diese Übung, die sicher viele kennen, bei der Person 1 steht und Person 2 auf sie zukommt. Person 1 bestimmt, wie nah 2 kommen soll. Im Workshop haben wir das ohne Worte gemacht und sind in die Beobachter_innenposition der Achtsamkeit gegangen.  Und ich hatte dieses unglaubliche Erlebnis, einfach sofort stop winken zu können, nach einem Schritt, und dann die Übungspartnerin noch ein weiteres Stück zurück zu bitten. Es war eine solche Befreiung, das tun zu können, und dafür nicht abgelehnt zu werden. So viel Raum war auf einmal da, nur für mich, um den ich mich nicht hatte bemühen müssen. Kein ewiger Kampf um meinen eigenen Platz, Zentimeter um Zentimeter unter schlechtem Gewissen den sich Annähernden abgetrotzt. Geschenkt gab es das, ich hatte da ein Recht drauf. Unbeschreiblich.

Fast genauso wohl fühlte ich mich umgekehrt, als die Übungspartnerin mich einfach zu sich in ihre Umarmung winkte. Ich habe nämlich kein Problem mit Nähe, ich liebe das. Ich sehne mich danach, daß Menschen mich in ihrer Nähe haben wollen. Ich kann auf sie zugehen.

Aber ich will entscheiden, gehe ich auf diese Person hier zu, wann, und wieviel. Ohne Angst haben zu müssen, daß jedes Nein mir das Gegenüber völlig entfremdet.

Sichere Distanz eben. Bis ich frei atmen kann trotz oder sogar im Genuß der Nähe. Das wäre schön.

—-

Dies ist vermutlich Teil 1 von mehreren zu diesem Thema. Mal sehen, ob ich die weiteren schreibe.

Wenn dies [1 – Selbstbestimmung] ist, dann gibt es noch [2 – Angst, wahrgenommen zu werden] und [3 – Hingabe]. Und [4 – Verantwortung] Weil alles natürlich extra kompliziert wird, wenn man es läßt.

2010

Hat wohl doch nicht so geklappt mit der Geräuschwoche, aber macht nichts, dann mach ich es wann anders. Über sowas möchte ich mich nicht mehr aufregen.

Ich denke gerade, ob ich nicht auch mal einen Jahresrückblick machen möchte. Die letzten Jahre kam mir das bei anderen immer eher seltsam vor, aber ich erinnere mich nicht mehr, wieso. In der Mitte dieses Jahres wollte ich geordnet zurückblicken und wurde zu traurig dabei, um es durchzuziehen. Doch die ganz traurigen Dinge, die mir jetzt noch nachgehen, liegen in 2009. 2010 habe ich mich zwar zeitweise schrecklich schlecht gefühlt, aber jetzt aus der Distanz bin ich über die Leiden des Jahresanfangs gut hinweg gekommen, im Gegensatz zu denen des vergangenen Jahrs.

Silvester verbrachte ich noch in Leipzig mit Fay und mit M, die mich kaum ansah. Ich wanderte mit Abschiedsschmerz und Bedauern im Bauch am Haus des Exfreunds vorbei, meine Kisten waren verpackt und untergestellt, der kleine Transporter stand bereit. Neujahr fuhren wir gen Mannheim, in die Zwischenmiete-WG.

Januar begann mit offenem Blick und mit allen Möglichkeiten, ohne feste Wohnung, ohne Job, ohne viel mentalen Ballast, aber mit lieben Menschen und ausreichend Unterstützung in der Nähe. Außerdem liebte ich diese WG, die riesige Küche mit himmelblauer Decke und dunklem Dielenboden, vertraut scheinender Geruch gleich beim in den Flur kommen, ein Bett,  in dem ich keine Nackenschmerzen bekam, jede Menge Platz und angenehme Mitbewohner auch noch.

Entgegen aller Erwartungen wurde es eine ganz harte Zeit, Januar bis April, weil mir jemand ganz überraschend den Rücken zukehrte und der (noch gar nicht so) alte Schmerz von 2009 zusammen mit dem neuen als Tsunami über mir zusammenschlug. Die Arbeitsagentur drohte mir mit „Sie müssen jeden Job annehmen“, und ich verfiel in Panik bei dem Gedanken, die Stadt wegen eines Jobs gleich wieder verlassen zu müssen und dann wirklich in die Fremde zu gehen, wo mir niemand in dieser Krise den Rücken stärken würde. Das erste Mal dachte ich, ich komme damit allein nicht mehr richtig zurecht, und ich suchte nach Hilfe.

Januar, Februar, März verschwimmen, ich denke an das gute Gefühl der nach wie vor offen stehenden Möglichkeiten, den Schnee auf den Straßen, Freund_innen, Familie. Daß der Rhein mir jedes Mal weitergeholfen hat, wenn ich nicht mehr konnte. Lange Chats mit A. Und die unhaltbare Trauer an allen Ecken, Häutung, juckende Haut, Rose Kemp mit Kopfhörern hören und sich entsetzlich einsam fühlen. Keine Lösung parat haben. Endlich der Kollaps all dessen, was schon im Jahr zuvor eigentlich nicht mehr gestanden hat und nur noch duch Fassaden Substanz vorgaukelte.

Endlich rettend der April – denn da fuhr ich nach Leipzig zum Disillusion-Konzert. Jetzt fühlte ich mich dort, von wo ich so lange weg gewollte hatte, ganz zuhaus. Nach dem Konzert wanderte ich zu Fuß bis zu Fays Wohnung, durch die vertraut anmutenden Straßen, mein Kopf sang „Alone I stand in fires“ – daheim updatete ich meinen Facebook-Status mit „awoke from sorrow’s sleep“.

Kurz darauf begann ich meine Arbeit im ersten richtigen Job und war mit einem Mal zu abgelenkt, um zermürbende Gedankenkarusselle in meinem Kopf drehen zu lassen. Ich lernte, wie gut es tun kann, keine Zeit zum Überlegen haben zu können, sondern einfach reagieren zu müssen, jetzt, hier. An diesen Punkt kommt man schwer über Erkenntnis, man muß das üben und/ oder dazu gezwungen sein.

Meine noch immer bestehende Offenheit wurde nicht mehr permanent von komplizierten Überlegungen geblockt. Ende April reiste ich mit ihr im Gepäck gutgelaunt zur Beltaine-Feier, um danach monatelang einen Großteil meiner Zeit auf rosa Wölkchen zu verbringen. (Im Mai habe ich, soweit ich mich erinnere, kaum etwas gemacht außer mich zu freuen.) Am Tag nach der Feier schaute ich mir eine WG an, immernoch in bester Stimmung. Es klickte. Anfang Juni zog ich ein.

Mitte des Jahres habe ich angefangen, einen Kalender zu führen, was ich seit Jahren nicht getan habe. Das Juli-Blatt ist komplett mit möglichen Terminen gefüllt. Das war so beruhigend, in diesen Kalender zu schauen und deutlich den Beweis zu sehen, daß ich „ein Leben habe“, daß ich Unternehmungen in Angriff nehme, die ich schon lange, lange mal machen wollte. Daß keine Zeit war, traurig zu sein oder die Verwirrung über all die veränderten Maßstäbe und die verlorenen Zukunfsvorstellungen die Überhand gewinnen zu lassen. Der Sommer war eine Enklave der Aktion. Die Blase würde irgendwann platzen, doch bis dahin würde ich Schwerter schwingen und tanzen bis zur Erschöpfung.

„And still I’m hoping fall would never come.

But it came.“

Es war früher August, als die Blase platzte. Die beiseite geschobene Desorientierung kam wieder an die Oberfläche, der Schmerz, von dem ich meinte, er müssen längst aufgehört haben. Es erwischte mich die volle Ladung der Erkenntnis von Neuem, daß ich dabei war, mein Leben aus Ruinen wieder aufzubauen, und ich überfordert war, weil mir gänzlich die Werkzeuge fehlten. Meine über Jahre eingeübten Handlungsmuster standen mir nun mehr im Weg als daß sie mir helfen konnten, diese Herausforderung zu bewältigen: Freiheit. Zuviel Freiheit.

Zum ersten Mal konnte ich mir vorstellen, warum die existenzialistische Leere etwas Bedrohliches sein sollte. Zuviel Verantwortung, und die große Furcht, ihrer nicht Meisterin werden zu können.

In dieser Zeit bin ich mir selber unendlich auf die Nerven gegangen. Es ist schrecklich ermüdend, so nah am Wasser gebaut zu sein und durch alles und jeden am laufenden Band getriggert zu werden. Ich hätte mich am liebsten gegen ein funktionierendes Ersatzexemplar ausgetauscht. Fortwährend war ich mit dem Konstruieren von Problemen beschäftigt; dabei konnte ich mich genau beobachten und mir erklären, was ich da machte. Es war mir ganz klar, daß ich selbst diese Schwierigkeiten bastelte, aber auf der mich am stärksten steuernden Ebene halt dann doch nicht. Die glaubte: das ist alles wahr. Sie glaubte: Niemand will dich, du hast keinen Ort, du bist nichts, du weißt und kannst nichts. Das sind überzeugende Glaubenssätze, dagegen kommt die Vernunftstimme nicht an.

Ich weiß nicht, wie lange das so gehalten hat, aber irgendwann war es besser. Tatsächlich habe ich es geschafft, meine Aufmerksamkeit auf mich selbst und das Jetzt zu fokussieren, anstatt immer nur in die Ferne zu starren, das half.

Samhain schaute ich recht zufrieden auf mein Jahr zurück. In allem, was mir in dieser Zeit weh getan hat, und obwohl ich ein paar der miesesten Monate meines Lebens verbracht habe, habe ich während all der Zeit genau gespürt, daß der Weg stimmt, auf dem ich bin, weil ich mich irgendwie mir selbst mehr annähere. Und mich bewege, anstatt stillzustehen und zu jammern.

Oktober und November arbeitete ich Vollzeit, sie rannen vorbei.

Jetzt Dezember, der Winter war kurz bisher.

Ich bin auf der Erde angekommen, zumindest mehr als vorher. Ich bin konkreter geworden. Ich habe meine Handlungsfähigkeit ausprobiert, ein wenig, da wird noch viel mehr kommen. Ich habe mir einen Haufen Magie in den Körper gezaubert, mit der ich jetzt etwas machen kann.

Die Welt ist voller offener Türen. (Immernoch.)

Und ein bißchen ein Fundament habe ich. Das schadet auch nicht.

ohne Meta

Wieder einmal zu Besuch im Haus meiner Eltern habe ich mir den Computer meiner Mutter ausgeliehen. Auf meinem eigenen macht das Tippen keinen Spaß, das E hängt, und man muß mit Karacho auf die Tasten hauen, damit wirklich alle Buchstaben da auftauchen, wo sie stehen sollen. Der hier dagegen bietet sozusagen den Fingern Urlaub während sie arbeiten, Joggen statt Gewichtheben.

Während der letzten Wochen hatte ich so einige Male den Impuls zum Blogschreiben. Es gab ja auch interessante Diskussionen, zu denen man sich hätte äußern können, also, ich. Und Dinge, die schon länger in meinem Notizbuch als Fragment auf Realisierung warten. (Fragmente realisieren tu ich aber eigentlich nie.)

Doch wenn ich so durch meine Posts scrolle, fällt mir auf, daß es nicht die thematischen Einträge, die Diskussionsbeiträge sind, an denen mein Blick im Nachhinein noch hängen bleibt. Vielmehr verweile ich auch Monate und Jahre später lieber bei den wenige Zeilen umfassenden Bildhaufen, die ich mal aus meinem tiefsten Inneren heraus auf den Bildschirm gespuckt habe. So ähnlich wie die Lyrik, die ich früher mit Leichtigkeit verfaßt habe, und die mir jetzt in der Fingerspitze stecken bleibt. Ein schönes Wort an ein schönes Bild an einen schönen Ton geklebt, Analyse bleibt draußen, muß nicht eingeordnet werden. Gehört zu nichts dazu. Kommuniziert nichts nach außen. Letztlich sind das Erinnerungsstücke, nicht mehr und nicht weniger, und trotzdem –

Vielleicht sind Erinnerungsstücke, bei denen man die Emotionen, die dranhängen, tatsächlich darstellen kann, gar nicht so schlecht als Texte.

Zur Sichtbarkeit trägt es natürlich nicht bei, sich weiterhin in Privatem zu wälzen. Aber vielleicht ist es auch das, was ich schreiben will, zumindest manchmal. Alles andere ist Arbeit, nicht das Schreiben an sich, sondern das sich dazu bewegen. Privatmatschen entspannt.

Ah, warte mal, Sekunde. Was da so in meinem Notizbuch steht an Themen, über die ich schreiben könnte, das sind alles Sachen, bei denen es konkret um meinen ganz persönlichen Zugang geht.

Denke ich da dann wieder, daß das uninteressant ist? Warum sollen nur persönliche Zugänge anderer Leute spannend sein? Hab ich nur wieder Angst davor, daß es am Ende tatsächlich interessant sein könnte, was ich beizusteuern hätte?

Es macht mir keinen Spaß mehr, über Beweggründe nachzugrübeln und endlose Metaüberlegungen anzustellen, das ist eindeutig. Es macht mir im Moment keinen Spaß mehr, diesen Post hier zu schreiben, seit er sich auf die Metaebene, die mit den X Stockwerken begeben hat.

Warum ist mir egal. Egal. Egal. Üb das.

Und Folgenes üben: Ich stelle fest, mir gefallen diese tiefen Erinnerungsstücktexte, die ich mal verfaßt habe. Ich stelle fest, ich habe Ideen, was ich schreiben könnte, ich habe es bisher aber noch nicht gemacht – das sind nur Beobachtungen. Ich stelle fest, Sachen sind schwer, aber das zieht so vorbei und ich lasse mich nicht davon beindrucken.

Wieder kein Fazit! Wohin soll das noch führen! Macht das überhaupt einen Sinn? Vermutlich nicht. Und. Weiter? …

Wie geht Schreiben ohne Meta? Geht Schreiben ohne Meta? Geht Leben ohne Meta?

Mal sehn.

pausen-post, die erste

jetzt erinner ich mich schonwieder kaum mehr daran, wie das nochmal ging, also müssen meine finger sich erinnern.

und da klingelt das telefon, ich gehe rüber ins andere büro, sage professionelle dinge auf mehr oder minder professionelle art, und es ist wirklich gut, daß es diesen winzigen bereich gibt, in dem ich wenigstens weiß, welche antwort ich geben kann. weil es eben fristen gibt, und namen auf listen stehen. listen, in deren perfektionierung ich über gebühr zeit stecke, weil ich die zeit ja habe und ihre existenz mich beuruhigt. von unten schallt die immer gleiche musik. wenn ich hier besucherin wäre, würde ich rückwärts wieder rausgehen, wenn ich diese songs schon wieder hören würde, jeden tag.

pause, da kann ich legitim am computer sitzen und über dinge tippen, die mich interessieren. was interessiert mich? meine sich wichtig nehmenden beiträge zu irgendwas, zur blogosphäre oder so ähnlich, die versinken meistens in meinem gehirn, weil ich komischerweise nie die ruhe oder den mut finde, sie zu schreiben.

ich möchte mal sagen, ich verstehe das nicht so richtig. gar nicht darüber nachdenken, daß wenn ich in die tiefe gehe ich bestimmt eine gute erklärung für alles finden kann. sondern einfach stehenbleiben auf diesem anfängerplatz: also, wie geht das jetzt? und warum so, und nicht anders?

ich möchte meine energie nach außen lenken und meine fähigkeit zum aufstellen zielgenauer theorien zur diskussion von dingen nutzen, und nicht, um mehr schrift, mehr erklärungen, mehr warnschilder auf meinen eigenen, ich weiß nicht, ideellen körper oder so zu schreiben. geht das? das fühlt sich an wie der versuch, auf morastigen bodensatz mit auf der oberfläche treibenden leichen ein standfestes gebäude zu bauen.

ich möchte überhaupt nicht, daß das jemand liest, oder? deshalb höre ich auf, wenn es spannend wird, und ziehe um, wenn die zuschauer sich mehren und jemand auf mich zu achten beginnt.

pause vorbei.