2010

Hat wohl doch nicht so geklappt mit der Geräuschwoche, aber macht nichts, dann mach ich es wann anders. Über sowas möchte ich mich nicht mehr aufregen.

Ich denke gerade, ob ich nicht auch mal einen Jahresrückblick machen möchte. Die letzten Jahre kam mir das bei anderen immer eher seltsam vor, aber ich erinnere mich nicht mehr, wieso. In der Mitte dieses Jahres wollte ich geordnet zurückblicken und wurde zu traurig dabei, um es durchzuziehen. Doch die ganz traurigen Dinge, die mir jetzt noch nachgehen, liegen in 2009. 2010 habe ich mich zwar zeitweise schrecklich schlecht gefühlt, aber jetzt aus der Distanz bin ich über die Leiden des Jahresanfangs gut hinweg gekommen, im Gegensatz zu denen des vergangenen Jahrs.

Silvester verbrachte ich noch in Leipzig mit Fay und mit M, die mich kaum ansah. Ich wanderte mit Abschiedsschmerz und Bedauern im Bauch am Haus des Exfreunds vorbei, meine Kisten waren verpackt und untergestellt, der kleine Transporter stand bereit. Neujahr fuhren wir gen Mannheim, in die Zwischenmiete-WG.

Januar begann mit offenem Blick und mit allen Möglichkeiten, ohne feste Wohnung, ohne Job, ohne viel mentalen Ballast, aber mit lieben Menschen und ausreichend Unterstützung in der Nähe. Außerdem liebte ich diese WG, die riesige Küche mit himmelblauer Decke und dunklem Dielenboden, vertraut scheinender Geruch gleich beim in den Flur kommen, ein Bett,  in dem ich keine Nackenschmerzen bekam, jede Menge Platz und angenehme Mitbewohner auch noch.

Entgegen aller Erwartungen wurde es eine ganz harte Zeit, Januar bis April, weil mir jemand ganz überraschend den Rücken zukehrte und der (noch gar nicht so) alte Schmerz von 2009 zusammen mit dem neuen als Tsunami über mir zusammenschlug. Die Arbeitsagentur drohte mir mit „Sie müssen jeden Job annehmen“, und ich verfiel in Panik bei dem Gedanken, die Stadt wegen eines Jobs gleich wieder verlassen zu müssen und dann wirklich in die Fremde zu gehen, wo mir niemand in dieser Krise den Rücken stärken würde. Das erste Mal dachte ich, ich komme damit allein nicht mehr richtig zurecht, und ich suchte nach Hilfe.

Januar, Februar, März verschwimmen, ich denke an das gute Gefühl der nach wie vor offen stehenden Möglichkeiten, den Schnee auf den Straßen, Freund_innen, Familie. Daß der Rhein mir jedes Mal weitergeholfen hat, wenn ich nicht mehr konnte. Lange Chats mit A. Und die unhaltbare Trauer an allen Ecken, Häutung, juckende Haut, Rose Kemp mit Kopfhörern hören und sich entsetzlich einsam fühlen. Keine Lösung parat haben. Endlich der Kollaps all dessen, was schon im Jahr zuvor eigentlich nicht mehr gestanden hat und nur noch duch Fassaden Substanz vorgaukelte.

Endlich rettend der April – denn da fuhr ich nach Leipzig zum Disillusion-Konzert. Jetzt fühlte ich mich dort, von wo ich so lange weg gewollte hatte, ganz zuhaus. Nach dem Konzert wanderte ich zu Fuß bis zu Fays Wohnung, durch die vertraut anmutenden Straßen, mein Kopf sang „Alone I stand in fires“ – daheim updatete ich meinen Facebook-Status mit „awoke from sorrow’s sleep“.

Kurz darauf begann ich meine Arbeit im ersten richtigen Job und war mit einem Mal zu abgelenkt, um zermürbende Gedankenkarusselle in meinem Kopf drehen zu lassen. Ich lernte, wie gut es tun kann, keine Zeit zum Überlegen haben zu können, sondern einfach reagieren zu müssen, jetzt, hier. An diesen Punkt kommt man schwer über Erkenntnis, man muß das üben und/ oder dazu gezwungen sein.

Meine noch immer bestehende Offenheit wurde nicht mehr permanent von komplizierten Überlegungen geblockt. Ende April reiste ich mit ihr im Gepäck gutgelaunt zur Beltaine-Feier, um danach monatelang einen Großteil meiner Zeit auf rosa Wölkchen zu verbringen. (Im Mai habe ich, soweit ich mich erinnere, kaum etwas gemacht außer mich zu freuen.) Am Tag nach der Feier schaute ich mir eine WG an, immernoch in bester Stimmung. Es klickte. Anfang Juni zog ich ein.

Mitte des Jahres habe ich angefangen, einen Kalender zu führen, was ich seit Jahren nicht getan habe. Das Juli-Blatt ist komplett mit möglichen Terminen gefüllt. Das war so beruhigend, in diesen Kalender zu schauen und deutlich den Beweis zu sehen, daß ich „ein Leben habe“, daß ich Unternehmungen in Angriff nehme, die ich schon lange, lange mal machen wollte. Daß keine Zeit war, traurig zu sein oder die Verwirrung über all die veränderten Maßstäbe und die verlorenen Zukunfsvorstellungen die Überhand gewinnen zu lassen. Der Sommer war eine Enklave der Aktion. Die Blase würde irgendwann platzen, doch bis dahin würde ich Schwerter schwingen und tanzen bis zur Erschöpfung.

„And still I’m hoping fall would never come.

But it came.“

Es war früher August, als die Blase platzte. Die beiseite geschobene Desorientierung kam wieder an die Oberfläche, der Schmerz, von dem ich meinte, er müssen längst aufgehört haben. Es erwischte mich die volle Ladung der Erkenntnis von Neuem, daß ich dabei war, mein Leben aus Ruinen wieder aufzubauen, und ich überfordert war, weil mir gänzlich die Werkzeuge fehlten. Meine über Jahre eingeübten Handlungsmuster standen mir nun mehr im Weg als daß sie mir helfen konnten, diese Herausforderung zu bewältigen: Freiheit. Zuviel Freiheit.

Zum ersten Mal konnte ich mir vorstellen, warum die existenzialistische Leere etwas Bedrohliches sein sollte. Zuviel Verantwortung, und die große Furcht, ihrer nicht Meisterin werden zu können.

In dieser Zeit bin ich mir selber unendlich auf die Nerven gegangen. Es ist schrecklich ermüdend, so nah am Wasser gebaut zu sein und durch alles und jeden am laufenden Band getriggert zu werden. Ich hätte mich am liebsten gegen ein funktionierendes Ersatzexemplar ausgetauscht. Fortwährend war ich mit dem Konstruieren von Problemen beschäftigt; dabei konnte ich mich genau beobachten und mir erklären, was ich da machte. Es war mir ganz klar, daß ich selbst diese Schwierigkeiten bastelte, aber auf der mich am stärksten steuernden Ebene halt dann doch nicht. Die glaubte: das ist alles wahr. Sie glaubte: Niemand will dich, du hast keinen Ort, du bist nichts, du weißt und kannst nichts. Das sind überzeugende Glaubenssätze, dagegen kommt die Vernunftstimme nicht an.

Ich weiß nicht, wie lange das so gehalten hat, aber irgendwann war es besser. Tatsächlich habe ich es geschafft, meine Aufmerksamkeit auf mich selbst und das Jetzt zu fokussieren, anstatt immer nur in die Ferne zu starren, das half.

Samhain schaute ich recht zufrieden auf mein Jahr zurück. In allem, was mir in dieser Zeit weh getan hat, und obwohl ich ein paar der miesesten Monate meines Lebens verbracht habe, habe ich während all der Zeit genau gespürt, daß der Weg stimmt, auf dem ich bin, weil ich mich irgendwie mir selbst mehr annähere. Und mich bewege, anstatt stillzustehen und zu jammern.

Oktober und November arbeitete ich Vollzeit, sie rannen vorbei.

Jetzt Dezember, der Winter war kurz bisher.

Ich bin auf der Erde angekommen, zumindest mehr als vorher. Ich bin konkreter geworden. Ich habe meine Handlungsfähigkeit ausprobiert, ein wenig, da wird noch viel mehr kommen. Ich habe mir einen Haufen Magie in den Körper gezaubert, mit der ich jetzt etwas machen kann.

Die Welt ist voller offener Türen. (Immernoch.)

Und ein bißchen ein Fundament habe ich. Das schadet auch nicht.

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