Prioritäten

Im Stuttgarter Schloßpark sind Hundertschaften der Polizei angerückt, mit Wasserwerfern und Tränengas, um den Baumfällarbeiten für Stuttgart 21 den Weg freizuräumen. Viele Menschen versuchen gemeinsam, die Bäume zu beschützen, offenbar hat sie Polizei angekündigt, den Einsatz abzubrechen wenn tausende Demonstrant_innen vor Ort sind. Die Tweets sagen, es werden noch mehr Leute gebraucht, alle denen es möglich ist, sollen in den Park kommen.

Ich bin nicht dort. Warum nicht?

Ich bin bei der Arbeit, bereite Ferienprogramm für Grundschulkinder vor und sorg dafür, daß der Jugendtreff geöffnet ist heute nachmittag.

Warum?

Nicht, weil ich besonders engagiert bin. Wenn ich engagiert wäre, wäre ich in Stuttgart. Warum dann?

Ich weiß nicht, aus mangelnder Entschlossenheit? Weil ich offenbar entweder nicht weiß, was wirklich wichtig ist für mich, oder den Mut nicht habe, danach zu leben. Diesen Job mache ich nicht aus innerer Überzeugung. Ich halte zwar den Job selbst für wichtig, aber ich finde nicht, daß dringend ich ihn machen sollte. Es gibt so viele Menschen, die es lieben, mit Gruppen von Jugendlichen zu arbeiten, und es dementsprechend auch richtig gut können. Die sich als ganze Menschen in so eine Arbeit einbringen würden, ständig neue Ideen hätten, dies oder jenes Projekt mit Elan starten würden, gefolgt vom nächsten. Die Massen an Fachwissen mitbringen und die Vernetzung mit Kolleg_innen von überall organisieren.

Auch ich sehe irgendwo das Potential, das meiner Arbeit innewohnt. Man könnte so viel machen. Wenn ich die Gesellschaft verändern will, dann ist Kinder- und Jugendarbeit genau der richtige Ansatzpunkt, und das habe ich auch während meines Studiums immer vertreten. Doch jetzt, in der Praxis, kann ich überhaupt nicht die Verbindung zu meiner Aufgabe und zu meiner Arbeitsstelle aufnehmen, die ich bräuchte, um richtig durchzustarten und auch etwas zu bewirken. Ich schau mir das alles von halb außen an. Mir fehlt die Begeisterung. Ich fühle mich nicht kompetent. Ich fühle mich nicht kreativ oder innovativ. Es ist mir alles ein bißchen egal. Ich habe direkt das, was ich nie wollte: Einen Job, der vor allem ein Job für mich ist. Und meine Priorität liegt auf den Reparaturarbeiten, die ich an meiner Psyche und meinem Privatleben versuche vorzunehmen.

Zu diesen Reparaturarbeiten, finde ich, würde es auch dazugehören, daß ich das tue, was ich wirklich für akut wichtig halte, um mir selber zu zeigen, daß ich mir vertrauen kann, und daß ich kein unmoralisches faules Arsch bin. Zum Beispiel nach Stuttgart fahren, jetzt. Ich hab das Gefühl, ich sollte alles über den Haufen schmeißen und losfahren. Aber ach, der böse Job hält mich ja ab, denn wenn ich einfach abhau, hab ich kein Geld mehr. Kann ich also gar nicht!

Nur – da mache ich mir ja auch wieder etwas vor. Mein Privatleben schmeiß ich nämlich nicht durcheinander, um zivilen Ungehorsam zu praktizieren. Ich könnte ja auch am Wochenende die Parkschützer_innen unterstützen gehn. Da hab ich aber was vor, was ich nicht bereit bin aufzugeben. Bin ich also doch ein unmoralisches Arsch. Denn was mir peripher wichtig ist, würde ich opfern um was Gutes zu tun, doch was mir wirklich wichtig ist, das taste ich nicht an. Oder vielleicht ist es so, daß wenn ich nicht so viel Zeit in der Arbeit verbringen müßte (??), ich meine wichtigen privaten Sachen wann anders außer an wenigen Wochenenden machen könnte. Und dann könnte ich an den Wochenenden demonstrieren. Also, ich weiß nicht, ob ich nun ein Opfer des fiesen Arbeits-blahdingens-Systems bin, oder einfach nur faul und unmotiviert. Oder Opfer eines Denksystems, in dem Opfer bringen etwas Tolles ist.

Jedenfalls bin ich froh, daß es offenbar immernoch eine Menge Leute zu geben scheint, die entweder solche Kopfprobleme wie ich nicht haben, oder so stark sind, sich darüber hinwegzusetzen. Sonst wär jetzt nämlich niemand in dem Park, außer die Baumfäller.

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