Erbe

Da ist dieses kleine Mädchen mit den blonden Zöpfen, die vernünftige große Schwester (einer verwöhnten kleinen), meine Großmutter. Sie soll das Geschirr spülen, damals sicher noch nicht in der Spüle, die ich kenne, mit dem fließenden heißen Wasser. Zumindest wird sie das Wasser heiß machen müssen. Dabei würde sie viel lieber ihr Buch weiterlesen, es ist gerade so spannend, daß sie kaum aufhören kann. Nachdem sie den Topf auf den Herd gestellt hat, schaut sie sich um, ob keiner guckt, dann legt sie das Buch in die Schublade unter dem Spülbecken. Beim Spülen schaut sie nach unten und folgt den Worten, während ihre Hände arbeiten.

Irgendwann, obwohl sie ihre Arbeit erledigt, wird sie erwischt. Der Vater brüllt wohl, vielleicht auch anderes – der Vater ist sowieso ein gefährlicher Mann (deshalb hat sie später einen ganz anderen, einen sanften, geheiratet, der in fast allem auf sie hörte). Die Mutter schimpft beim ersten Mal, doch wenn der Vorfall sich wiederholt, fängt sie zu schweigen an. Das ist ein kaltes, erstarrtes Schweigen, in das die ganze Küche gehüllt ist. Es verursacht eine ständige Stimmung von Groll und Enttäuscht sein, und das kleine Mädchen weiß genau, daß alles ihre Schuld ist. Sie konnte ja nicht hören, und die Mutter hat allen Grund, ihr die Liebe zu entziehen, sie sie sowieso nicht verdient hat.

Als sie groß ist und selbst eine Familie hat, hat sie sich das Lesen längst abgewöhnt. Es gab immer zu viel Arbeit, da blieb für solche Sperenzchen keine Zeit. In ihrem Haus gibt es nicht viele Bücher: Die Bibel, das Gesangbuch, ein oder zwei andere vielleicht noch, die der Mann mitgebracht hat. Was sie aber nicht vergessen hat, das ist das Schweigen. Sie benutzt es oft. Wenn der Mann, die Tochter, die Schwester nicht tun, was sie von ihnen will, dann gibt sie ihnen Unwohlsein. Nicht, daß sie das planen würde. Es ist eher so, daß die Kälte ganz von allein in ihr heranwächst, zusammen mit einem Gefühl der Hilflosigkeit. Kann sie sich gar nicht verständlich machen, oder ist denen alles egal? Niemand reagiert auf sie, auf ihre Wünsche. Es ist so einfach, der Kälte nachzugeben, sich hinter eine Wand des Schweigens zurückzuziehen, auf die alle reagieren müssen, die alle in ihrem Alltag beeinflußt, und damit die Macht in der Hand zu haben. Viel einfacher, als zu versuchen, zu den anderen durchzudringen, indem man redet – vielleicht erfolglos, und auf das Risiko hin, Kompromisse machen zu müssen.

Das Mädchen, nein, die Frau schweigt, und alles dreht sich um sie, sie ist der Mittelpunkt der Sorge, der Vorsicht, der bangen Erwartung. Es ist die einzige Art, wie sie je im Mittelpunkt stehen könnte.

Über die Zeit gleiten die Zügel ihr aus der Hand. Die Tochter lernt ihre Methoden, aber trotzdem verläßt sie das Haus. Der Mann ist schon tot, die Schwester auch weggezogen, schon lang. Was sie immer befürchtet hat, ist eingetreten: Alle haben sie verlassen. Die Enkeltochter reagiert noch auf das Schweigen und auf die Tränen, die jetzt hinzugekommen sind, doch irgendwann ist selbst die weit weg, und das Alleinsein greift um sich. Niemandem bedeutet sie etwas, glaubt sie, niemand denkt an sie, sie glaubt, sie ist eine einsame alte Frau ohne Liebe. Das glaubt sie schon, da ist sie noch keine sechzig.

Mir hat nie jemand verboten, mein Buch zu lesen, auch wenn die Großmutter meinem Lesewahn mit mildem Unverständnis begegnet ist. Aber ich habe noch gelernt, daß Schweigen eine Waffe ist, die man gegen alle richten kann, die einen lieben (nur dann funktioniert sie richtig). Ausprobiert habe ich es nicht, aber ich habe es erfahren. Schweigen ist eine Strafe. Es sagt, du hast etwas Falsches getan, und ich entziehe dir meine Zuneigung. Es sagt, Zuneigung ist nicht bedingungslos. Sie muß durch artiges Verhalten verdient werden. Zuneigung ist wankelmütig, sie ist mal da, dann wieder weg, nie einzufangen, nie vertrauenswürdig. Auch sie mit Macht festhalten zu wollen, Reaktionen zu erzwingen, ist letztlich zum Scheitern verurteilt, doch es ist die einzige Option, die du hast. Einer Zuneigung, die dir ins Gesicht starrt und nicht fortgeht, auch wenn du sie nicht hältst, der kannst du nicht glauben. Sie kann das wahre Ding nicht sein.

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