Reboot?

Es ist gerade recht schwierig, den Überblick zu behalten. Alles, was über den Moment hinausgeht, entschlüpft mir, oder es rollt sich hinter der Stirn zu Wirbeln zusammen, die ich nicht mehr entwirren kann. Die Momente sind nur dann einfacher, wenn zum Denken gar keine Zeit bleibt, und/ oder wenn es nur um professionelles Handeln geht, um nichts, was mit mir selber direkt zu tun hat.

Dies ist dann wohl eine Umstellungsphase, so wie wenn die Software zum Betreiben einer Website auf einmal nicht mehr den veränderten Anforderungen entspricht und eine neue gefunden werden muß. Nur, daß eine Website eben gar nicht mehr läuft, wenn sie keine Software hat, Wartungsmodus oder so, und ich weiterlaufe auf einem Stückwerk von Programmierungsfetzen, und den Überlegungen darüber, wie die Zukunft aussehen könnte.

Viele Jahre lang habe ich konzentriert und kontinuierlich in allen Lebenslagen am Optimieren meiner Methoden gearbeitet. Eine Handhabe entworfen, wie ich mit Problemen umgehe, besonders mit zwischenmenschlichen und psychischen. Als die Methode irgendwann implementiert war, lief sie beinah fehlerlos, sie konnte auf 90% der sich ergebenden Probleme erfolgreich und ohne großen Aufwand angewandt werden. Die restlichen zehn Prozent umging ich einfach, doch mit einer so hohen Erfolgsquote im Problemlösen zu operieren brachte mich dazu, meinen Techniken großes Vertrauen entgegenzubringen. Sie wurden zum Modus Operandi. Ich arbeitete weiter an ihrer Perfektionierung. Ich arbeite schließlich immer an irgendetwas.

Nun bin ich an einem Punkt angekommen – der bahnte sich seit anderthalb Jahren ungefähr an – da ich realisiere, daß meine alten Handlungsmuster zu greifen aufgehört haben. Es ist nicht nur, daß sie den aktuellen Problemen nicht angepaßt wären, sondern vielmehr, daß sie zu mir selbst nicht mehr richtig passen.

Meine Techniken spielen sich beinah ausschließlich auf der Metaebene ab. (Jemand sagte mal, die Metaebene, auf der ich wohne, habe mehrere Stockwerke.) Sie involvieren eine Menge (Selbst-)Reflexion, Mitteillung, Erklärung, Analyse. Wenn mir zum Beispiel einmal die Stimme ausrutschen und ich jemanden anpflaumen würde, dann würde ich sofort einen Schritt zurück machen, um mich zu entschuldigen und dem Gegenüber zu erläutern, was mich dahin gebracht hat, und inwieweit mein Verhalten überhaupt mit ihm/ihr konkret zu tun hat (meistens nicht so viel). FreundInnen haben mir bestätigt, daß dies sehr entlastend sein kann, da man immer weiß, woran man bei mir ist, und ich ganz gut meine eigenen Issues von den Interaktionen trennen kann.

Ich mache das alles noch immer, es ist mir längst in Fleisch und Blut übergegangen, doch ich fühle nicht mehr den befreienden Effekt, den es auf mich und die Beziehungen hat. Ich rede und rede, doch die Rede ist eine leere Oberfläche, sie greift die Basis in mir überhaupt nicht an. Ich rede und rede, dabei habe ich oft überhaupt keine Lust mich zu erklären mehr. Es ist mir im Bauch ganz egal, ob die meine inneren Abläufe verstehen können, ob ich mich quasi rechtfertigen kann, ob ich mich ganz korrekt und ganz unverletzend verhalte und niemandem je auf die Füße trete oder unfair behandle.

Im Kopf ist mir das nicht egal. Aber der Rest von mir sagt, Scheiß doch drauf. Sollen die doch selber denken. Ich will nichts mehr vorkäuen. Ich will nicht mehr die ganze Verantwortung tragen. Ich will Fehler machen können, ohne über jeden Fitzelkram gleich einen psychologischen Vortrag halten zu müssen. Natürlich möchte ich noch immer mit meinen FreundInnen teilen, was in mir vorgeht, und zuweilen macht es mir auch immernoch Spaß, an mir herumzuanalysieren. Doch das Zentrum ist etwas anderes. Etwas direkteres. Die Denkerei steht dem tatsächlichen Kontakt eher im Weg. (?)

Die neue Methode, die ich nun erlernen müßte, kenne ich noch nicht. Einzelne Puzzleteilen schweben ein ums andere Mal an mir vorbei, manchmal klickt etwas, ohne daß ich genau weiß, warum eigentlich. Die meiste Zeit allerdings bin ich überfordert, weil meine Probleme so komplex sind wie eh und je, nur vielfältiger, neuer, unerprobter – und die Ordnungssysteme versagen. Dann trete ich auf die Bremsen und versuche, still zu sein. Wenn ich nicht auf die Metaebene ausweichen kann, werde ich unkontrolliert. Meine Gefühle, meine Impulse rennen mit mir davon. Ich bin nicht immer mit den Wegen einverstanden, die sie gehen, und dann ganz ohne Erklärung für mein Verhalten dazustehen, das erschreckt mich zutode, wie geht das?

Ich weiß ja immernoch, warum ich dies oder jenes tue, ja, und auch nicht: ich mache mir einen Spiegel und bräuchte doch hundert, um mich auch nur im Entferntesten darstellen (oder wahrnehmen) zu können. Ich denke aus Gewohnheit, ach ja, ich bin doch soundso. Und dann denke ich, aber will ich so sein, kann ich anders? Und was soll das, Bilder von sich selbst aufzustellen, die doch nie stimmen können, dabei aber Mauern um meine Möglichkeiten bauen!

Es bleibt mir kein Raum in meinem Zentrum für die Probleme anderer Menschen. Nicht, wenn ich nicht zuerst ganz genau klarstelle, daß ganz in der Mitte ich bin, und alles andere zwar auch mittig stehen, doch mich selber nie übertrumpfen kann.

Vor allem nicht mit mir verschmelzen kann.

Warum will ich gleichzeitig doch so sehr verbunden sein, während ich mich abgrenzen will? Ich kann und will keine Schlußstriche setzen und keine undurchdringlichen Mauern bauen: das bin ich nicht, und das will ich auch nicht sein. Vernetzt bleiben und Ego-zentrisch, das ist es vielleicht, nur habe ich dafür kein Muster, und kein Muster um das Muster zu entwerfen, und, ja, meine Impulse rennen mit mir davon, nichtwahr, mein Kopf hat das Kontrollzentrum geschlossen. Und wo ist das jetzt?

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