kreise, 2

In meinem allerersten Blog und auch noch später im LJ habe ich recht viel Aufmerksamkeit der Erforschung eines bestimmten psychischen Zustands gewidmet, der mich zuweilen heimsuchte oder den vielleicht ich suchte, um ihn heimzuholen. Grob umrissen handelte es sich um eine Form von Melancholie, bei der ich aber immer das Gefühl hatte, sie sei mehr als das.  Sie wollte mir etwas sagen, über mich, die Welt und was zwischen uns war. Sie barg ein immenses Reservoir an künstlerisch Möglichem, als lauere hinter der Unfähigkeit, im Moment die richtigen Worte formulieren zu können, jedes Gefühl und jede Metapher, die ich als Autorin je brauchen würde. Ich mußte nur den Zugang dazu finden. Der Zustand war ein schmerzhaftes Beinah, aber noch nicht ganz, ein unter der Glaskuppel liegt das Land. Ausgelöst wurde er von der Wahrnehmung großer Schönheit, und der Neid war eng verschlungen mit ihm: Würde ich je etwas derart Perfektes erschaffen können?

Der Zustand war wirklich wichtig für mich. Er half, mich im Gleichgewicht zu halten. Ein großer Schmerz, aber immer in Grenzen, in einem Raum, wo ich ihn als ästhetisch umdefinieren und als unverzichtbaren Teil meiner selbst wahrnehmen konnte. Meine Verhaltensweisen in diesem Zustand, die recht unleidlich sein konnten, kannte ich genau. So konnte ich per Code, mit dem ich den Zustand benannte, meine Freund_innen informieren, wie sie mich im Moment zu verstehen hatte, inwieweit man mich gerade ernstnehmen mußte oder eben nicht. Mein Zustand war so immer nah am Limit, aber nie lebensgefährlich oder tödlich für wichtige Beziehungen.

So in etwa erinnere ich mich. Ich durchforste alte Posts und lese die direkte Beschreibung aus dem Zustand heraus. Um Kunst geht es da, kleiner wird der Begriff nicht, um sprachlos ob eines Dings zu sein, das beschrieben werden muß. Um Lähmung der Stimme und der Hand angesichts der wundervollen Worte anderer. Ah, da kommt es mir wieder. So weit ist es vielleicht doch nicht weg.

Im letzten Jahr irgendwann bemerkte ich, daß mein besonderer Zustand mir abhanden gekommen zu sein schien. Schlechte Laune kannte ich noch, Traurigkeit, doch nichs davon hatte künstlerische Qualität (was heißt das?). Schleichend verwandelte sich dann meine geschätzte (wenn auch zuweilen gehaßte) Melancholie in tatsächliche Traurigkeit. Sie verließ ihren so konstruktiv gesteckten Rahmen, ließ sich nicht mehr sublimieren oder zelebrieren.

Ich lernte etwas über einen schlechten psychischen Zustand, der länger als einen Abend dauerte, und dessen Tür ich nicht auf- und zuschließen konnte. Es war widerlich. Ich wollte meinen Code-Zustand zurück haben. Die gefühlte Sprachlosigkeit war da (dabei sind das die Zeiten, zu denen ich am meisten schreibe), doch kein Bild/ Topos entstand daraus. Ich war ein trauriger Mensch, kein leidender Künstler.

Daß das zurück kommt, davor fürchte ich mich. Der alte Zustand aber — ich sehe, er definiert mich nicht mehr. Wohin habe ich mich bewegt? Wer bin ich dann jetzt, ohne den Teil, den ich als so wesentlich an mir fand? Oder ist er gar nicht verschwunden?

„ich frage mich später, ob diese momente mein alibi für den mangel von leben in meinem leben sind. für alle tage und nächte, die an mir vorbeigehen, ohne vertanzt, verweint, verquatscht, … worden zu sein.
ob ein ganz tiefer und nicht wirklich erträglicher schmerz mir das werkzeug ist, vor mir selbst so zu tun, als ob ich ja doch ganz intensiv leben und jeden moment auskosten würde, aber ob ich das tue weiß ich nicht.“

10.03.2006

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