Neuer Ort

Meine physische Häutung geht weiter vonstatten, trockene Haut, die sich über meiner Nase und am Kinn abschält wie Schorf. Kann die Sonne gewesen sein.

Ich habe ein paar wenige Sachen ins Auto gepackt und mich nach M fahren lassen, dort die Dinge wieder ausgeladen und in mein halbwegs leeres neues Zimmer gestellt. Überall sonst hier in der Wohnung ist es voll und belebt, Markierungen:  „wir wohnen hier, und wer bist du?“

Ich möchte rote Farbe an den Händen haben und allem meinen Stempel aufdrücken, so daß mir niemand mehr das Gefühl geben kann, ich sei hier fremd und nicht willkommen, weil ich alles geprägt und geformt habe. Stattdessen werde ich leise, vorsichtig, langsam, ziehe mich zurück und muß mir bewußt immer wieder einen Schubs geben, um ein paar Zentimeter Raum für mich einzunehmen. Eine gute Übung, in genau dem Fach, wo ich sie brauche. Anstrengend allerdings auch. Saugt Kraft auf.

Zur Zeit passiert es mir immer wieder, daß ich so vor mich hin gehe und auf einmal in einer Situation bin, die mich viel stärker herausfordert, als ich vorher einkalkuliert hatte. Im Rückblick merke ich dann, wie erwartbar das war — Situationen, in denen ich genau all das tun muß, was mir am schwersten fällt, und zwar alleine, ohne jemanden dabei, der mir den Rücken stärkt. Gut, daß ich das vorher nicht merke. Sonst würde ich vielleicht stoppen und es nicht versuchen, und das hatte ich schon, ich mag es nicht mehr. Lieber mit der Nase gegen die Wand knallen als der Wand aus dem Weg gehen, umkehren und sie nicht zu spüren.

2000 kam ich nach Stuttgart, es hieß, es sei eine Wohnung für mich bereitgestellt, mit allen notwendigen Möbeln, jedenfalls einem Bett. Nach dem ersten Acht-Stunden-Arbeitstag kam ich in diese Wohnung, die mich mit Leere begrüßte. Riesig und weiß war alles. Wunderschön eigentlich, doch in diesem Moment so ungleich einem Schutzraum, den ich erhofft hatte, daß ich mich fühlte, als sollte ich gleich wieder nachhause fahren. Hier gab es keinen Platz für mich. (Das „hier gibt es keinen Platz für mich“-Gefühl hat natürlich mit konkreten und realen Situationen ganz wenig zu tun.)

In Leipzig wohnte ich ein, zwei Jahre in einer Wohnung mit einer Mitbewohnerin. Ich bin dort nie ganz angekommen. In meinem Zimmer, ja, dort versteckte ich mich dann, wenn Besuch in der Küche war, oder wenn die Hunde mit ihrem Bellen mir zu sehr auf die Nerven gingen. Meine Wohnung war das nie so richtig.

Danach probierte ich es nicht mehr, ich baute mir mein eigenes abgeschottetes Nest, wo mir niemand reinreden, mich herausfordern oder in Bewegung bringen konnte.

Und jetzt wieder von vorne. Weiße Wände, leeres Zimmer. Belegte Küche. Far from home. (Obwohl gar nicht wirklich.) Dabei hatte ich mich in den letzten zwei Monaten schon wieder an die anstrengungslose Sicherheit im Elternhaus gewöhnt.

Ich hole die Furchtkataloge aus meiner Innentasche und breite sie in plakatgroßen Farbfotos vor mir aus. Was wenn —

Diese Neuanfänge sind alle immer wieder gleich schwierig. Ich werde nicht herausfinden können, was in der Zukunft liegt, ob ich mit meinen Mitbewohnerinnen klarkommen werde, ob ich einsam sein werde, ob mir die Wege zu weit sind, die Wände zu dünn, die Straße zu laut — immer erst dann, wenn etwas davon de facto eintritt und in der Gegenwart angekommen ist. Also, bekannte Übung anwenden.

Jetzt ist jetzt. Jetzt ist es nicht laut. Unter meinem Hintern harter Boden. Straßenlaternenlicht zum Fenster herein. Gefühl sanfter Traurigkeit (Sehnsucht?), und ein bißchen müde. Internetconnection steht. Motorrad fährt draußen brummend vorbei.

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