Was ich eigentlich schon sehr lange mal schreiben wollte

Hatte nicht vor, heute nacht noch was zu schreiben, aber diesen Gedanken muß ich kurz festhalten.

Gerade habe ich eine der Livejournal-Communities aufgesucht, in denen 2006 bis 2008 unsere spezielle Ecke des deutschsprachigen Fandoms ihr Unwesen getrieben hat. Es war wie die Besichtigung einer gut erhaltenen Ruine: mit Hinterlassenschaften gefüllt, aber ohne Leben. Ohne weitere Besucher oder Anwohnerinnen.

Letztes Jahr irgendwann kündigte eine gute Fandom-Bekannte an, ihr Journal zu löschen und woandershin zu gehen. Sinngemäß begründete sie das mit der ganz normalen Bewegung und Veränderlichkeit der Dinge. Daß eben irgendwann der Ort, an dem man gelebt hat, nicht mehr paßt, und man an einen anderen geht. Meine Community, wie ich sie geliebt hatte, existierte zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr, aber ich wollte es nicht wahr haben. Ich brauche immer eine ganze Weile, um Veränderungen in Bezug auf die Verbindungen zwischen Menschen und auch Orten akzeptieren zu können. Die gute Bekannte hatte völlig recht mit ihren Gründen, auch wenn für mich an ihrer Stelle wohl aufgrund meiner Persönlichkeit ein so radikaler Abschluß nicht infrage gekommen wäre .  Zu jenem Zeitpunkt aber fühlte es sich an, als würde sich alles erst jetzt auflösen, da sie ging und die Veränderung manifest werden ließ.

Seit einer ganze Weile habe ich keine Fanfiction mehr geschrieben; irgendwann hörte ich auch auf, in mein Livejournal zu schreiben. Dafür gibt es sicher mehrere Gründe. Ich dachte, eine der Hauptursachen sei meine Furcht, den in meiner eigenen Wahrnehmung starren Erwartungen nicht gerecht werden zu können, oder der zunehmend kritischer werdene Blick in einer Gemeinschaft — dem LJ/ Dreamwidth-basierten Media-Fandom — das mir zu Anfang als sehr akzeptierend und, nun, niedrigschwellig begegnet war. [1] Zudem geriet ich, sowohl in Bezug auf Fanfiction als auch auf Journaleinträge, immer mehr in Sprachkonfusion. Ich wußte nicht, ob ich auf englisch oder deutsch schreiben sollte, die Hälfte der Posts und der Großteil der Fanfic die ich las war schließlich auf englisch geschrieben, und die meisten Quellentexte/ Fandoms waren ebenfalls englischsprachig. Die Sprachfrage war auch eine Rezipientenfrage. Für wen wollte ich schreiben? An welchen Diskursen wollte ich teilhaben? Ich wollte ein Teil der großen Fancommunity sein, die ich aus der Zaunreiter- und Von-halb-innen-Beobachterperspektive so gut kannte, fühlte mich aber grenzenlos überfordert, sprachlich, inhaltlich, sozial, kreativ.

Aus dem Abstand sehe ich besser, daß zur Zeit meiner Konfusion, als ich in jedem zweiten Journaleintrag überlegte, was ich mit dem Journal anfangen sollte, die eigentliche Community als deren Teil ich mich wirklich gefühlt hatte, diese kleine deutschsprachige Ecke, bereits zum größten Teil verschwunden war. Menschen und Motivationen hatten sich überall hin verteilt, die alten Livejournal-Comms blieben leer. Mein Orientierungsproblem hatte nichts (oder nur am Rande) mit einer Wandlung des großen „LJ-based-Mediafandom“ zu tun, sondern schlicht damit, daß da ein Freundeskreis auseinandergedriftet war. Wie das eben passiert, vor allem wenn die meisten Freund_innen gerade mal um die 20 sind.

Manche haben zu posten aufgehört; andere schreiben nicht mehr über Fandom oder zumindest nicht mehr in den Communities. Wieder andere sind dazu übergegangen, nur noch auf englisch zu posten, um mit anderen, aktiveren Teilen des Fandoms im Kontakt sein zu können. Manche, vor allem die Älteren, sind noch da, in ihren eigenen Journals, und wie ich meiden sie die Ruinen, in denen wir einst unsere Orgien gefeiert haben.

Als ich mit dem Schreiben von Fanfiction angefangen habe, war da nur im Hintergrund etwas wie eine Gemeinschaft spürbar, nämlich die Leute, die die großen Archive benutzten. Ich las ihre Geschichten, kommentierte manchmal, bekam Kommentare zu meinen Geschichten. Viel war es nicht, aber das Wenige an Gemeinschaft, das es gab, war essentiell für mich. Ohne die anderen Fans hätte ich keine der Fanfics beendet, die ich begonnen habe.

Die Livejournal-Leute, die füreinander und aus Spaß an der Freude Fanfic auf deutsch schrieben, motivierten mich, Geschichtchen zu verfassen und online zu stellen, die vorher nie über den Status einer vagen Idee in meinem Hinterkopf hinausgekommen wären. Es ging nicht darum, daß alles großartiger Qualität war, das wir teilten, sondern es ging darum, daß wir es teilten. Und manches davon war großartig. Und es wurde geboren, weil es eine ganze Horde Hebammen besaß.

In meiner Magisterarbeit habe ich in Anlehnung an Kristina Busse darüber geschrieben, daß Fanfiction nie in ihrer Gänze begriffen werden kann, wenn man den Prozeß und den Kontext ihres Entstehens außer Acht läßt. In dem fannischen Universum, in dem wir lebten, erfüllten die Geschichten viele Funktionen. Sie waren der Sekt auf der Party, Besserungswünsche, Kunstprojekte, Graffiti, Umarmungen…

Warum habe ich mich gewundert, daß ich aufgehört habe, Fanfiction zu schreiben? Oder daß ich die englischsprachigen Projekte, die ich geplant hatte, nie in die Tat umgesetzt habe? Meine Geschichten sind entstanden, weil sie tief verwurzelt waren in der Erde dieses Freund_innenkreises, und nun, da die Wurzeln offen liegen, wächst nicht mehr viel. Das ist ein bißchen traurig, aber letztlich wohl ganz normal, und auch nicht aufhaltbar, oder durch bestimmte Personen verschuldet.

Es gibt noch immer ein Fandom, das untereinander Liebe genauso wie Kritik versprüht durch ganz verschiedene Arten von Äußerungen, die einzigartig sind und die ich genau wiedererkenne. Das ist nicht verschwunden, und ich fühle mich dazu auch noch immer zugehörig.

Nur eben nicht auf dieselbe Art zugehörig wie unserer speziellen kleinen Ecke, die ich mit geprägt habe, und die ein zeitgebundenes Phänomen war — wie meine Teenagerfreund_innen auf der Domwiese oder meine Pfadfindergruppe, ein Freund_innenkreis eben — zu dem man nicht zurückgehen kann, auch wenn man wünscht, man könnte es. Kann man Geisterstädten neues Leben einhauchen?

Ich glaube höchstens, wir könnten uns zusammenrotten und etwas Neues anfangen, die die übrig gelieben und verstreut, aber immernoch verbunden sind. Mag sein, daß es gleich wieder kollabieren würde, oder gar nicht entstünde. Oder es würde aufblühen und wunderbar sein. Und etwas ganz anderes, als das, was wir hatten.

[Links werden nachgeliefert.]

[1] Dazu kurz: Eine Schärfung des kritischen Blicks in Teilen des Fandoms hat m.E. wirklich stattgefunden, und ich halte diese Entwicklung für gut und wichtig. Die Auswirkungen auf mich persönlich sind unterschiedlich und zunächst unabhängig von der Frage, wie ich das  Phänomen an sich bewerte. Wie man sieht, ist das ein eigenes großes Thema, auf das ich in diesem Post nicht näher eingehen will.

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