Mit Rucksack in Venedig

Die neuste Folge von Doctor Who, The Vampires of Venice, war wieder einmal ein großartiges Beispiel dafür, was Leute fabrizieren, die sich einbilden, Hautfarben überhaupt nicht wahrzunehmen. Oder alternativ sich etwas darauf einbilden, wie bewußt sie mit der Repräsentation marginalisierter Gruppen umgehen.

Von Doctor Who und anderen BBC-Produktionen wie Merlin ist man gewöhnt, Leute verschiedener Hautfarben in allen historischen Szenarien herumlaufen zu sehen, im Sinne des Colourblind Casting unabhängig von tatsächlichen geschichtlichen Gegebenheiten. Colourblind Casting als Praxis finde ich gar nicht übel, solange es eine Option ist, die neben historisch einigermaßen passenden Darstellungen auch aus der Sicht von PoC steht, so daß klar ist, daß da nicht versucht wird, unsere kolonialistische Vergangenheit zu retuschieren.

The Vampires of Venice gelingt es allerdings, die an sich nicht so schlechte Idee völlig ad absurdum zu führen. Es tauchen zwei schwarze Charaktere auf, im Venedig des 15. oder 16. Jahrhunderts, in der Rolle einigermaßen wohlhabender normaler Bürger, so wie ich das verstanden habe. Alles okay soweit, denke ich da beim Zusehen. In dieser Staffel sind ja bisher alle Hauptfiguren weiß, ein paar interessante Characters of Color könnten nicht schaden.

Ich schätze diese Serienmacher einfach immer wieder zu hoch ein. Denn abgesehen davon, daß diese zwei Figuren nicht wirklich einen Charakter oder großartige Bedeutung haben, haben sie ganz klar eine Funktion: Zu sterben, sich zu opfern, um die weißen Hauptcharaktere zu retten. Ja, beide. Ja, genau so platt, wie es ich anhört. Und dabei ist man wahrscheinlich noch enorm stolz auf sich, daß man in dieses Szenario die Characters of Color überhaupt reingebastelt hat.

Zusätzlich ging auch noch ein Alienvolk zugrunde, damit die Menschen überleben konnten, in dieser Folge.

Ich weiß, die Doctor Who Macher_innen sind nicht die einzigen, die diesen Blödsinn verbrechen, sondern sie stehen in einer etablierten Tradition. Aber an Doctor Who hänge ich nunmal, und ich hoffe immer wieder, daß sich doch noch etwas dreht — weil da seit mindestens anderthalb Staffeln dieselbe Geschichte erzählt wird.

Die vierte Staffel hatte gefühlt keinen anderen Plot als den Märtyrerdiskurs. Entweder war es der Doctor oder sein Companion, die sich für die Rettung von irgendwas opfern wollten (Die gingen dabei natürlich nicht drauf.), oder es waren die Nebenfiguren, gewöhnlich entweder Aliens oder CoC (oder LGBT-Charaktere, wenn man Torchwood dazunimmt), die sich für den tollen Doctor oder seine Companions in den Tod stürzten. Das ist nicht nur diskriminierender Dreck, es ist auch unglaublich langweilig. In jeder Folge weiß ich vorher schon, was passieren wird. Wenn dann das Opfer vonstatten gegangen ist, schaut der Doctor tieftraurig sich selbst bemitleidend in die Kamera und gegebenenfalls erzählt ihm noch irgendwer, daß er das jetzt zu verantworten hat, was er auch anstandslos annimmt, ohne deshalb je sein Verhalten zu ändern. Nächste Folge, dasselbe nochmal.

Wollte nicht Moffat irgendwann mal nach der RTD-Ära einen richtigen Neustart wagen? Er tut alles andere als das. Der elfte Doctor hat keine distinkte Persönlichkeit, obgleich Matt Smith sich Mühe gibt, ihn weniger melancholisch und etwas verrückter als Ten darzustellen. Manierismen wie Grundthema bleiben dabei dieselben. Das Märtyrernarrativ gibt es noch immer, genauso die OMG! so düsteren Andeutungen („Silence will fall!““). Und natürlich Mickey & Rose reloaded: Immer gibt es einen weiblichen Companion, der auf den Doctor abfährt, und deren Freund — der Freund hat keine Chance, weil der Doctor natürlich per Definition den Größeren hat. Er zeigt ihr ja auch die Welt! (Und Rory ist Krankenpfleger, das kann ja kein richtiger Mann sein!)

Als die Castingentscheidung für den 11. Doctor auf Smith fiel hätte es mir schon klar sein können, daß es genauso kommt, weil Moffat wie Davies in den späteren Staffeln einfach weder Mut zu Neuem zeigen kann, noch je versucht hat, seinen unsichtbaren Rucksack zu entpacken. Kein schwarzer Doctor, kein weiblicher Doctor, und schon wieder die Hetero-Standardstory in der TARDIS… da erfreue ich mich lieber an alten Folgen und such mir eine andere aktuelle Serie zum Anschauen.

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