Türkisner Hirsch

Während meiner späteren Schulzeit, so mit sechzehn, siebzehn hatte ich einen interessanten Bekannten- und Freundeskreis. Mehrere Menschen darin beeindruckten mich sehr, und es gibt ein paar Beinah- oder Kurzfreundschaften, von denen ich noch immer denke, daß mehr hätte hängen bleiben können. Warum wohl nichts davon hängen geblieben ist? Mag sein, daß sich in dieser Phase ganz gewöhnlicherweise die Netzwerke zwischen Personen stärker verschieben als später. Oder es liegt an etwas anderem.

Eine Freundin fand ich zu einer bestimmten Zeit besonders faszinierend. Sie zeichnete sich nicht nur durch eine angenehme und spannende Persönlichkeit aus, sondern auch durch eine ganz unverwechselbare Schönheit — diese Kombination lies mich überhaupt nicht los. Ich würde nicht sagen, daß ich in sie verliebt gewesen bin; nur dann, wenn ich auch sage, daß ich auf die eine oder andere Art allen meine Freund_innen eine Begeisterung entgegenbringe, die man genauso gut und treffend Liebe nennen kann (that’s how strange I am).

Jedenfalls war ich ein mauernloser Mensch zu dieser Zeit; ich trug mein Herz vor mir her und identifizierte mich auch ein Stück weit über meinen offenen Umgang mit meinen Gefühlen. So erinnere ich mich.

Die Freundin durfte sich also immer mal wieder meine Begeisterungsbekundungen anhören. Sie lagen mir eben auf der Zunge. Ich hätte mich mit bewußter Anstrengung bremsen müssen, um nichts zu sagen, und da ich dazu keinen Grund sah, teilte ich ihr eben mit, wie großartig ich sie fand. Irgendwo muß ich dabei eine Grenze überschritten haben, denn sie bat mich, mit diesen Bekundungen aufuhören. Sie fühle sich dadurch unter Druck gesetzt. (Ich bin nicht sicher, ob sie wirklich das gesagt hat, aber falls sie es nicht war, habe ich das von jemand anderem in einer ähnlichen Situation gehört. Mehrere Male.) Sie halte sich selbst überhaupt nicht für so toll und wolle nicht, daß ich sie auf ein Podest stelle.

Später hörten wir auf, so viel miteinander zu tun zu haben. Ich glaube, das lag an ihrer Gewohnheit, ihre intensiven Freundschaften öfter auszutauschen, nicht an mir persönlich. Diese Episode aber blieb bei mir hängen. Damals habe ich überhaupt nicht verstanden, was für ein Problem diese Freundin mit meinen Gefühlsäußerungen hatte. War es denn nicht wunderbar, positive Resonanz zu erhalten?

Jahre später habe ich mit einer anderen Freundin, mit der ich auch jetzt noch befreundet bin, über dieses Thema gesprochen. Sie erklärte mir einen Teil des Problems, um das es damals gegangen sein mag. Wenn du mich so sehr lobst, sagte sie sinngemäß, dann fühle ich mich überschätzt und habe Angst, deinem Bild von mir nicht gerecht werden zu können.

Dieser Teil des Problems scheint auf den ersten Blick mit dem Selbstwert der gelobten Person zu tun zu haben. Es geht aber noch um etwas anderes, nämlich um das Bedürfnis, als die Person erkannt zu werden, als die man sich selbst sieht. Meine Freundinnen glaubten, daß ich sie idealisieren und sie damit verkennen würde. Sie wollten mit ihren Fehlern wahrgenommen werden. Gerade Frauen, besonders sehr reflektierte, definieren sich schließlich oft viel stärker über ihre Schwächen als über ihre Stärken oder die Kombination aller ihrer Eigenschaften. Wenn ich ihnen gegenüber nur von ihren „guten Seiten“ schwärme, meinen sie, ich sähe ihr wirkliches Selbst nicht. Umso größer die Angst, ich könnte irgendwann über dieses häßliche wirkliche Selbst stolpern und sofort das Interesse an der Freundschaft verlieren.

Oder sie glauben, ich würde mich gar nicht für sie selbst interessieren, sondern nur für ein Bild von ihnen, das lediglich in meinem Kopf existiert.

Die Furcht ist verständlich, und der Wunsch, als ganze Person wahrgenommen zu werden, ist mehr als legitim.

Aber es ist überhaupt nicht so, daß ich meine Freund_innen idealisiere. Ich nehme das, was sie als ihre Schwächen sehen, durchaus wahr. Nur stört es mich einfach nicht sonderlich. Dazugehörige Binsenweisheiten:  „Alles hat mindestens zwei Seiten.“ oder: „Schwächen und Stärken bedingen sich gegenseitig.“ Schon oft gehört, trotzdem nicht falsch. (Dagegen fürchte ich mich geradezu vor Frauen, die keine erkennbaren Fehler haben und gehe ihnen aus dem Weg, aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.)

Nun gab es auch schon Freund_innen, die sich mit größter Wahrscheinlichkeit nicht von mir verkannt gefühlt haben dürften, da sie wußten, ich kenne ihre „Fehler“. Trotzdem reagierten sie an irgendeiner Stelle allergisch auf meine Emotionsäußerungen. Um was ging es da, wenn eher nicht um das Verkennen? Viel eher um die die automatische Assoziation von hoher Einschätzung und hoher Erwartung. Die Idee also: Erstens, wenn ich von jemandem sehr viel halte, dann erwarte ich von ihm auch sehr viel Leistung. Und zweitens, wenn ich für jemanden sehr viel empfinde, dann erwarte ich von ihm auch sehr viel Gefühl als „Gegenleistung“.

Idee Eins kann man meines Erachtens getrost abtun. Die Angst anerkenne ich natürlich, aber auf der Inhaltsebene halte ich das für Blödsinn.

Idee Zwei ist schwierig. Ich möchte sie genauso abtun und behaupten, daß ich natürlich überhaupt nichts erwarte, nie! (Haha.) Und ich möchte sie beschwichtigen und erklären, daß meine Gefühle an sich überhaupt nicht an Erwartungen gekoppelt sind; daß meine Gefühle nur zu mir gehören und zunächst in keiner Relation stehen zu denen des Gegenübers. (Stimmt wirklich.)

Ich will die Möglichkeit haben, meine Gefühle zu äußern, weil sie mir eben auf den Lippen liegen, heute wie je. Damit strebe ich nicht an, Druck auf jemanden auszuüben. Die Reaktion der alten Freundin vor vielen Jahren auf meine Begeisterung für sie hat mich verunsichert, und daß das nicht das letzte Mal war, daß ich eine solche Reaktion bekam, vertiefte die Unsicherheit.

Es ist wohl wahr, daß wer eine Zuneigung zu einem anderen Menschen empfindet gerne diese Zuneigung erwidert sehen will – das ist ein Wunsch.

Ist ein Wunsch dasselbe wie eine Erwartung? Übertritt der Wunsch persönliche Grenzen?

Mein kluges feministisches Buch aus der 80ern über Wut und Beziehungen, welches ich kürzlich gelesen habe, würde mir sicher bestätigen, daß jede_r selbst die eigenen Grenzen schützen sollte, und daß mein Gefühl in der Tat, auch wenn ich es äußere, zu mir gehört, nicht zum Gegenüber. Wenn also meine Begeisterungsäußerung bei der alten Freundin etwas ausgelöst hat, eine Angst, Abwehr oder was auch immer, dann war das etwas, was in ihrer eigenen Verantwortung lag, nicht in meiner.

Und in meiner Verantwortung liegt es, daß die Abwehrreaktion mir etwas ausgemacht hat, und daß es mir weh tut, wenn mir wichtige Menschen sich von mir abwenden, weil meine Emotionsäußerungen ihnen zu drastisch sind. Es ist auch meine Sache, daß ich mich nicht mehr recht wage, mein Herz vor mir herzutragen, obwohl ich genau diese Eigenschaft früher an mir geschätzt habe.

Jetzt weiß ich nicht, wo ich hin will mit diesem Text, weil ich selbst noch gar nicht an einem Ende angekommen bin. Aber die Freundin, die neben mir sitzt, meint ich sei bei einem Zwischenfazit angekommen. Glaube ich ihr das also einfach mal.

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3 Gedanken zu “Türkisner Hirsch

  1. da erkenne ich mich sehr wieder. in deiner seite auch, aber vor allem in der seite deiner freundin, die überfordert war mit deiner hohen meinung von ihr. genau so, wort für wort, ging es mir ja mal in einer beziehung.. in der ich mich nicht gesehen gefühlt habe, weil mein freund so sehr in mich verliebt war und mich für so überirdisch toll gehalten hat, dass ich immer dachte, er ist ein bild von mir verliebt, dem ich niemals gerecht werden kann, und sobald er mein „wirkliches“ ich sieht, stößt er mich voller ekel von sich.
    ich denke, dass er daran genauso verzweifelt ist, wie du an der abgrenzung deiner freundin.

    das buch finde ich interessant!

  2. ja, diese angst vor dem nicht gesehen werden, das ist auch der aspekt an der ganzen sache, den ich am besten verstehen kann. ich denke, daß es auch wirklich vorkommt, daß leute ihr gegenüber, gerade eine_n partner_in, tatsächlich nicht richtig wahrnehmen, weil sie sich von ihrer eigenen projektion blenden lassen. zB auch eine projektion der beziehung, die nicht zischen den partnern konsens ist, also, die nur eine_r für wirklichkeit hält. das kenne ich auch.
    und genauso oft stehen da eben die wirklichkeiten gleichwertig nebeneinander.
    jedenfalls bemühe ich mich mittlerweile bewußt darum, nicht einer idealisierung zu verfallen, was freund_innen betrifft, weil ich das ihnen gegenüber unfair und mir gegenüber unpraktisch finde… aber ich glaube, ich tendiere da gar nicht dazu, und im prinzip verkennen die freund_innen mich, wenn sie von mir glauben, daß ich sie nicht sehen würde.
    (öhm kann sein, daß ich mich jetzt verhaspelt hab und nicht so sinn mache… einfach nachfragen. aber ich verstehe auch beide seiten gut und will gar kein rechtfertigungsding anfangen).

    ich glaube, manchmal hat’s auch was damit zu tun, wie symmetrisch die beziehung ist. wenn zB beide sehr doll verliebt ineinander sind und auch beide sich gerade gleich stark oder stabil fühlen, dann stört sich meist niemand an der äußerung dieses gefühls des verliebtseins, auch wenns extrem ist.

    das buch ist super. das lag im bücherregal meiner mutter, zu einem zeitpunkt, wo ich genau diese frage hatte, was ich mit meiner großen wut machen soll. es hat mir sehr weitergeholfen.

  3. ich versteh gut, was du sagen willst. und das mit den assymetrischen beziehungen kann ich absolut unterschreiben. das war in der besagten beziehung von mir auch der fall.

    das buch hab ich mir gleich mal bestellt, das passt für mich wahrscheinlich auch gerade sehr gut.

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