also,

ich wollte ein blog über polyamory schreiben, nicht nur, aber zum großen teil. darüber, wie es sein kann, so zu leben, und darüber, welche erfahrungen ich teilen kann, um vielleicht jemandem weiterzuhelfen — von wegen nicht die fehler machen, die andere schon für einen gemacht haben. und vor allem gibt es wenige leute, die auf deutsch über poly leben schreiben, und ich dachte, so wie ich nach menschen gesucht habe, die wissen, wovon ich rede, da muß es mehr geben, die sich womöglich freuen, auf meine erzählungen zu stoßen.

auf meine positive perspektive und meine ideen dazu, wie das klappen kann.

jetzt stehe ich schon ein bißchen an einer anderen stelle, aber nicht weit weg.

———

ich bin bei meiner familie und lese in der neuen brigitte, die meine mutter testweise mal wieder gekauft hat. darin redet eine redakteurin mit einem buchautor über die liebe, und wie immer ist das natürlich weltbildpoliererei, ja nicht kratzen.

er (glattauer, daniel) gesteht immerhin zu, daß es in paaren vereinbarungen geben könne, die nicht auf die übliche ‚treue‘ hinauslaufen.

Kein Betrug ist es, wenn zwei eine Abmachung getroffen haben, dass jeder tun und lassen kann, was und mit wem er will, sofern er es den anderen nicht spüren lässt.

, meint er generös. das ist schonmal was, daß er soweit kommt, und so will ich versuchen ihm nicht anzukreiden, daß sein blick doch etwas eng ist hier — eine abmachung kann viele formen haben und muß keineswegs wie diese hier aussehen. (und zwei brauchen es erst recht nicht zwangsläufig sein, die daran beteiligt sind.)

doch der nächste satz stellt gleich klar, woher hier die argumentation kommt.

„Aber, Frau Gerstberger, kennen Sie auch nur eine einzige Beziehung, wo das funktioniert hat?“

frau gerstberger braucht dazu in ihrer antwort gar nicht viel zu sagen, weil ihre leser_innen ohnehin schon verstehend mit dem kopf genickt und die passende replik antizipiert haben.

„nur so viel zum Jeder-darf-alles-und-alle-in-unserer-Beziehung-Gedanken: Das will meist nur der eine, der andere glaubt lediglich, er akzeptiere es aus freiem Willen…“

genau, denn wo kämen wir da hin, wenn zwei (oder sogar mehr) partner_innen tatsächlich dieses wahllose rumgevögel gutheißen würden? no way, da muß etwas falsch laufen. einer ist böse, der andere das opfer. der böse ist der schamlose, der sich holt, was sie/er will, ohne dabei oft genug zu erspüren zu versuchen, wie sich das opfer fühlt, das übrigens zwar in diesem fall offenbar die klappe aufkriegt, um sich zu äußern, aber so in selbsttäuschung feststeckt, daß sie/er gar nicht mehr klar entscheiden kann, was sie/er da eigentlich sagt.

offene und/oder polybeziehungen funktionieren also nicht, und zwar weil… es nämlich keine gibt, die funktionieren. oder war die argumentation andersrum? es gibt keine, weil sie nicht funktionieren. und man weiß, daß es keine gibt, weil herr glattauer und frau gerstberger keine beziehung kennen, „in der das funktioniert hat“.

nun spreche ich mal nicht über das mutmaßliche persönliche umfeld zweier autor_innen, die beide in bereichen bzw. für eine leser_innenschaft schreiben, welche erwartet, daß ihr bildungsbürgerliches heterosexuelles monogames (etc.) weltbild bestätigt und gestreichelt wird; über dergleichen zu reden werden sich mit sicherheit noch ausreichend gelegenheiten bei x anderen themen ergeben.

ein zweiter punkt liegt mir selbst gerade näher. wißt ihr, es ist so: leute, die problemlose und glückliche beziehungen führen, reden in der regel eher wenig darüber. ein bißchen in den ersten monaten über das verliebtsein vielleicht, danach über gemeinsame unternehmungen oder interessen, nicht aber über die beziehung selbst. wenn eine beziehung dagegen irgendwann scheitert, und sei es nach 30 glücklichen jahren, dann erfährt es alle welt. erklärungen über partner_innenwechsel oder neuen singlestatus müssen gemacht werden, nachfragegewohnheiten werden gestört, und liebeskummer läßt sich schwer gänzlich geheimhalten.

wenn eine offene oder polybeziehung wackelt oder scheitert, dann scheint für die beobachtenden ganz klar zu sein, daß das problem in der art der beziehung besteht. scheitert eine monogame beziehung, dann lag es an kommunikationsproblemen, auseinanderleben, loyalitätsbrüchen, zweifeln an den gefühlen und tausend möglichen gründen mehr. geht eine polybeziehung auseinander, ist es nicht notwendig, nach gründen zu suchen. denn das konnte ja nicht klappen, es war nur eine frage der zeit, bis die bombe platzen mußte.

was heißt dabei eigentlich scheitern?

ist scheitern, wenn man sich bemüht, aber sich nach nem halben jahr über alles streitet und nicht mehr weitermachen mag? ist scheitern, wenn man aneinander vorbeilebt, die gegenseitigen bedürfnisse nicht mitbekommt und schließlich eben so auseinanderdriftet? und löscht scheitern, was auch immer es heißt, alles radikal aus, was vorher war?

einer, der heute seinen freund verläßt — hat er ihn nie geliebt?

haben diese zwei, die sieben jahre konfliktfrei und voller leidenschaft und spaß ihre zeit miteinander verbracht haben, in wirklichkeit all die jahre hindurch marode wurzeln künstlich überdeckt, weil sie im achten jahr beschließen, getrennte wege zu gehen?

von wegen.

die gegenwart prägt immer unsere vergangenheit; was zum erinnerungsarchiv addiert wird, formt das ganze archiv neu, und es kann einmal vorhanden nicht wieder gelöscht werden. natürlich ändert sich mein blick auf eine beziehung, wenn ich neue informationen über meine_n partner_in erhalte, die ich zuvor nicht hatte. so, wie nun manche 68er in retrospektive ihre taten in den 60ern neu bewerten mögen, da sie herausgefunden haben, daß benno ohnesorg nicht von einem rechten, sondern offenbar von einem stasiagenten getötet worden ist.

doch so viel sie nun neu interpretieren und um-denken: erinnerung ändert sich, erleben im moment bleibt. bewertungen einer bestimmten zeit werden nicht nichtig, auch wenn du heute eine andere entscheidung treffen würdest.

also funktionieren polybeziehungen natürlich. genauso, wie monobeziehungen funktionieren, oder eben nicht. mal so, mal so. dein nachbar führt mit recht hoher wahrscheinlichkeit keine funktionierende polybeziehung. die wahrscheinlichkeit, daß er eine nicht funktierende monobeziehung führt ist höher. (schätzungen. gleicht das an eurer wirklichkeit ab.)

beide (eigentlich mehrere) beziehungsformen halten meistens nicht so lange, wie alle beteiligten leben. im rückblick kannst du sie dann als gescheitert betrachten, denn sie existiert ja nicht mehr. ist das relevant?

ich finde es wichtiger, wie sich die liebe angefühlt hat, solang sie gelebt wurde, und wie sich die liebenden zueinander verhalten haben. daran würde ich funktionieren oder nicht funktionieren messen wollen, und nicht an unendlicher dauer.

————-

meine beziehung, auf die ich mich jahrelang habe stützen können, und die ich habe vorweisen können als die so ziemlich wunderbarste errungenschaft meines lebens, sie ist nicht nur die meine, und deshalb kann sie jetzt von beben erschüttert werden, denen sie vielleicht nicht standhalten wird. die poly-idee steht dabei mit anderen themen gemeinsam im mittelpunkt des konflikts. ich kann sie nicht auf eine rein weiße fahne malen und hier als unanzweifelbares non plus ultra verkaufen.

aber die poly-idee ist trotzdem eine, die zu mir gehört. ich bin nicht frau/herr „das gibts gar nicht“, „du funktionierst nicht“, „du bist nur eine konstruktion“.

diese böse, die nehmen will, was sie kriegen kann, das bin ich.

ich nehme meine zwei anderen beziehungen, deren wachsen und vielfältiger werden ich mit liebe und begeisterung beobachte, und in die ich gebe, was ich geben kann. es fühlt sich nicht so an, als rauben mir diese beziehungen kraft für die von erdbeben geschüttelte erste, im gegenteil.

daß nicht alle auf dem gleichen standpunkt stehen, daß nicht jede_r dasselbe für ihr/sein leben will, und menschen unterschiedlich denken, fühlen, wahrnehmen — das sind binsenweisheiten, und die sind am schwierigsten wirklich zu begreifen.

————

also, ich wollte ein blog (auch) über polyamory schreiben. es sieht ein bißchen anders aus, als ich es vor wenigen monaten hätte planen können, vielleicht ehrlicher, vielleicht auch einfach nur mit mehr erfahrungen drin.

ich kann nur dem jetzt die hand geben und schauen, was mir auf die tastatur fällt. es gibt noch immer viel zu teilen, und viel einfach aufzuschreiben, egal für wen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s